Nie mehr Zoff um den Stoff!

Teil 1: Selbstwirksamkeit und Timing

„So geht’s auch!“, denke ich mir manchmal, wenn eine Situation auf unvorhergesehene oder unkonventionelle Weise gemeistert oder aufgelöst wird. Dieses „thinking outside the box“, dieses Über-Bord-Werfen von eingefahrenen Mustern und überholten Vorstellungen, dieser Mut zum Andersmachen – das gehört für mich zu den nützlichsten Fertigkeiten im Elternalltag.

Im Grunde braucht es nur drei Zutaten, die uns den Ausstieg aus Machtkämpfen und festgefahrenen Situationen erleichtern:
1. Wir müssen bereit sein, unsere Vorstellungen davon, wie es sein sollte, zu hinterfragen und loszulassen.
2. Wir dürfen unserer Kreativität und der unserer Kinder beim Finden von neuen Lösungen freien Lauf lassen.
3. Wir brauchen mitunter etwas Übung, um in diese neue Art zu denken hineinzufinden.
Letzteres wird einfacher, wenn wir anderen dabei ein bisschen über die Schulter schauen können und uns so inspirieren lassen. Und genau dazu dient diese Serie. Wir nehmen exemplarische Situationen unter die Lupe, die in vielen Familien konfliktbehaftet sind, und schauen uns ein paar #sogeht’sauch-Ansätze dazu an. Weil das Thema An-, Aus- und Umziehen so ergiebig ist, wird es uns zu Beginn gleich drei Wochen lang beschäftigen.

Vorstellung und Realität

Die Vorstellung:

Anziehen ist eine sehr einfache Angelegenheit. Wir selbst brauchen im Alltag vielleicht nur knappe fünf Minuten, um uns das Gewand für den Tag aus dem Schrank zu angeln und überzustreifen. Wieso sollte das ganze bei unseren Kindern also länger dauern oder mehr Aufwand bedeuten? Gewand aus dem Schrank – Pyjama aus – Gewand an – fertig. 

 Die Realität:

Wir holen das Gewand aus dem Schrank, wollen dem Kind den Pyjama ausziehen – das Kind läuft quietschend davon, versteckt sich unter dem Bett, will vor dem Anziehen „nur noch schnell“ ein Legohaus bauen,…

Irgendwann haben wir es mit viel gutem Zureden geschafft, unser Kind aus dem Pyjama zu bugsieren – da stellt es erfreut fest, wie fein es doch ist, nackt durch die Wohnung zu laufen und denkt gar nicht daran, an diesem paradiesischen Zustand irgendetwas zu ändern.

Eine gefühlte Ewigkeit später haben wir unser Kind so weit, dass es endlich bereit ist, sich auf das Anziehen einzulassen – unsere Zeitpläne sind derweil ohnehin nur noch Makulatur. Wir nehmen also die Unterhose zur Hand, die das Kind vorgestern freudestrahlend als seine Lieblingsunterhose bezeichnet hat – und lösen damit lautstarken Protest aus! Die Fischeunterhose war vielleicht vorgestern die Lieblingsunterhose – heute muss es UNBEDINGT die mit den Häschen sein! Dass die gerade fröhlich in der Waschmaschine ihre Runden dreht, beeindruckt wenig.

Wir sind gefühlt um Jahre gealtert, während wir Unterhosenkompromisse ausgehandelt haben, die andere rosa Hose aus der Lade gefischt haben, weil die eine nicht rosa genug war, das Bagger-T-Shirt gegen das mit den Dinos eingetauscht haben,…

Jetzt nur noch Schuhe und Jacke an – immerhin regnet es draußen – und dann können wir endlich los. Oder könnten wir, wenn unser Kind doch nur einsehen würde, dass es die Regenjacke anziehen muss, weil es draußen regnet, auch wenn es in der Wohnung ganz trocken ist…

Geht das auch anders? Ja! Wir müssen uns dabei allerdings von unseren Effizienzbestrebungen verabschieden und bereit sein, der ganzen Sache eine Spur mehr Zeit einzuräumen. Und vor allem müssen wir bereit sein, die ausgetrampelten Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen.

 

Selber machen!

Es soll ja Kinder geben, die unglaublich viel Zeit damit verbringen, ihre Puppen an-, aus- und umzukleiden. Wenn diese Kinder dann erwachsen werden und selbst Kinder haben, ändert sich erst einmal nicht besonders viel im Vergleich zu den Puppen – sie suchen die Outfits aus und das Baby lässt die ganze Prozedur mehr oder weniger gerne mit sich geschehen. Wenn aber diese Babys größer werden, beginnt irgendwann der Zoff um den Stoff: Die Kinder beginnen gegen das passive Umgezogen-Werden zu protestieren, sich zu wehren – und zwar umso mehr, je mehr die Eltern sich durch Macht und Kraft in ihrem Vorhaben durchsetzen, ihre Kinder weiterhin anzukleiden wir dazumal ihre Puppen und Teddybären. Und schon sind wir mitten in einer bilderbuchhaften Machtkampfdynamik.

Das Zauberwort in diesen Situationen lautet „selber!“. Der Widerstand des Kindes richtet sich hier nicht in erster Linie gegen das Gewand, noch weniger persönlich gegen die Eltern (auch wenn es sich für die vielleicht manchmal so anfühlen mag), sondern einfach dagegen, dass etwas mit ihnen gemacht wird, ohne dass sie dabei die Möglichkeit haben, sich als selbstwirksam zu erleben. Die einzige Möglichkeit zur Selbstwirksamkeit, die sie dann sehen, ist in den Widerstand zu gehen. Die Lösung: Andere Möglichkeiten schaffen, sich als selbstwirksam zu erleben.

Die Auswahl der Kleidung

Auch wenn wir vielleicht ein ausgeprägtes Stilbewusstsein haben und unser Baby immer gerne in farblich perfekt abgestimmte Outfits gekleidet haben, dürfen wir uns von der Vorstellung, dass das für die nächsten Jahre so bleiben wird,  verabschieden. Zumindest wenn wir uns selbst das Leben erleichtern wollen.

Wenn unser Kind sich sein Gewand selber aussuchen darf, erlebt es sich als selbstwirksam. Es kann sich durch die Auswahl seiner Kleider ausdrücken, seine Kreativität ausleben und sich seiner momentanen Stimmung entsprechend kleiden. (Kennt ihr das nicht auch: An einem Tag fühlt ihr euch nach einem langen, schwingenden Kleid und am nächsten eher nach Jogginghose und Schlabberpulli. Und oft können wir gar nicht so genau benennen, womit das zu tun hat. Genau so geht es auch unseren Kindern – und wir können gar nicht wissen, wonach sie sich heute fühlen…)

Und wir verabschieden uns auch von unseren erwachsenen Vorstellungen davon, was zusammen passt und was nicht:
Das Sommerkleidchen mit den rosa Seidenblüten soll es heute sein, obwohl es draußen knapp 13 Grad hat? Okay, kein Problem, aber dann brauchen wir noch was für die Beine, damit es nicht kalt wird.
Die Dinohose darunter? Ja, klar – die hält die Beine schön warm, und das ist alles, was zählt! Jetzt nur noch was für die Arme!
Den flauschigen Pinguin-Winterpulli? Okay, dann sparen wir uns die Jacke, weil der so  warm ist. Auch recht.

Hätten wir unser Kind jemals so angezogen? Wahrscheinlich nicht.
Wird irgendetwas Schlimmes passieren, wenn wir es in so einem kunterbunten Outfit aus dem Haus lassen? Sicher nicht.
Hat es manchmal einen überwältigenden Charme, wenn die Kinder ihre Kleidung so frei und ungeeingeschränkt von irgendwelchen Konventionen kombinieren? Aber sowas von 🙂!

 

Zwischen passiv und selbstständig

Weiter geht’s mit dem Akt des Aus- und Anziehens selbst. Es liegt eine relativ lange Übergangszeit zwischen der Phase, in der wir unsere Kinder (nahezu) ohne deren Zutun an- und ausziehen müssen und jener, in der sie dies schon ohne unser Zutun erledigen können (und manchmal noch einmal ein Weilchen zwischen Können und Wollen). In dieser Übergangsphase geht es genau darum, nicht zu glauben, nur weil sie es noch nicht ganz alleine können, müssen wir gleich alles machen.

Wir können z.B. die Unterhose hinhalten, das Kind steigt selbst hinein und sie zieht sie hoch. Wir können den Pyjamaärmel am Bündchen festhalten und das Kind zieht selbst den Arm heraus. Hose ausziehen geht ohnehin meistens schon sehr früh ganz gut selber.

Ein kleiner Tipp: Meist fällt es leichter, Kleidung aus- und anzuziehen, die etwas lockerer sitzt. Möglichst wenige kniffelige Verschlüsse wirken sich ebenfalls positiv aus. Und schon wird der Umziehprozess von einer Ohnmachtserfahrung („Da wird etwas mit mir getan und ich kann es eigentlich nicht verhindern“) zu einem Selbstwirksamkeitserlebnis. Ganz nebenbei schadet es ja auch nicht, wenn die Kinder die einzelnen Elemente dieses eigentlich recht komplexen Prozesses schrittweise üben und erlernen, wenn wir wollen, dass sie es irgendwann alleine können ;). 

 

 

Der richtige Zeitpunkt

Timing ist in sehr vielen festgefahrenen Situationen das zweite große Thema neben der Selbstwirksamkeit. Auch hier sind es unsere eigenen Vorstellungen davon, wie etwas zu sein oder abzulaufen hat, die uns unnötig das Leben schwer machen: Wir haben zum Beispiel eine fixe Vorstellung von der richtigen Reihenfolge der Morgenroutine – Frühstück, Zähneputzen, Anziehen – Anziehen, Zähne putzen, Frühstück – Frühstück, Anziehen, Zähne putzen – Zähne putzen, Frühstück, Anziehen… Jede Familie hat ihren eigenen Ablauf, aber in den allermeisten Familien wird dieser Ablauf nicht hinterfragt, solange es keinen Anlass dazu gibt.  Oder wir halten es für selbstverständlich, dass der Pyjama vor dem Einschlafen angezogen werden muss, auch wenn das Kind schon todmüde ist. Und sehen gar nicht, dass das nicht die einzige Möglichkeit ist. Ein paar Beispiele dafür, wie eine kleine Änderung im Timing große Wirkung zeigen kann:

Die Sache mit dem Pyjama

Das Kind ist hundemüde. Es will einfach nur noch schlafen. Das Zähneputzen [keine Sorge, dem Zähneputzen werden wir uns noch einmal gesondert widmen!] haben wir gerade noch so irgendwie hingekriegt, aber jetzt muss auch noch der Pyjama angezogen werden. Grundsatzfrage Nummer 1: Muss er? Wenn mein Kind halbwegs bequemes, den Temperaturen angemessenes Gewand anhat, das nicht gerade erdverschmiert oder sonstwie gröber verunreinigt ist, spricht eigentlich nicht wirklich etwas dagegen, dass es einfach im Gewand schläft. Außer der guten alten Konvention.

Grundsatzfrage Nummer 2: Muss er wirklich VOR dem Schlafen angezogen werden? Ja, klar, wir selbst ziehen uns den Pyjama vor dem Schlafen an. Ist ja auch keiner da, der ihn uns anziehen würde, während wir schlafen. Bei unseren Kindern sieht das freilich ein bisschen anders aus: Selbst wenn wir nicht wollen, dass sie die Nacht über im Tagesgewand bleiben, spricht eigentlich nichts dagegen, unsere übermüdeten Zwerge erst einmal gemütlich ins Träumeland zu begleiten und anzukündigen, dass wir sie dann umziehen werden, sobald sie schlafen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder, die einmal in den Nachtschlaf gesunken sind, so ziemlich alles mit sich machen lassen (auch wenn sie da bei den Tagesschläfchen viel empfindlicher reagieren). Ich kann also das schlafende Kindlein dann – natürlich mit der gebotenen Sanftheit, Ruhe und Vorsicht umziehen und gegebenenfalls wickeln. Eventuell kann ich auch einen Kompromiss aushandeln wie „Wir ziehen noch schnell das Oberteil um, weil das am schwierigsten im Schlaf umzuziehen ist – und alles, was untenrum passiert, kommt nachher.“

 

Was kommt zuerst?

Jeden Morgen dasselbe: Aufstehen – erst einmal ab ins Wohnzimmer zum Frühstücken  – dann ins Bad zum Zähne Putzen – dann ins Kinderzimmer zum Anziehen. Aber kaum im Kinderzimmer angekommen, beginnt das Schätzchen zu spielen und will sich partout nicht zum Anziehen überreden lassen.

Höchst ungelegen für unseren Zeitplan. Höchst verständlich aus der Perspektive des Kindes: Immerhin hat es gerade beim Zähneputzen eine Höchstleistung in Sachen Kooperation vollbracht. Klar sehnt es sich jetzt nach etwas Entspannung beim Spielen. Wenn wir jetzt auch noch ins Kinderzimmer gehen, wo all seine Spielsachen auf es warten, ist die Sache ja eigentlich ganz klar.

Die Lösung: Anziehen und Zähneputzen nicht unmittelbar hintereinander schalten. In diesem Fall hat es zum Beispiel gut geklappt, das Anziehen direkt ans Aufwachen und Aufstehen zu koppeln: Das Kind kann gemütlich eingekuschelt überlegen, was heute angezogen werden soll. Mama holt das Gewand ans Bett und das Umziehen findet direkt im Bett statt. So bleibt praktischer Weise auch der Pyjama für den Abend gleich griffbereit im Bett und das Kind verlässt das Bett quasi bereits fertig für den Tag.

 

Anziehen vor dem Schlafen?

Seit das Kind in die Schule geht und es morgens dementsprechend etwas schneller gehen muss, ist der Wurm drin. Die Eltern haben schon alles Mögliche probiert: Früher aufstehen, Gewand am Vorabend herrichten, Frühstück am Vorabend herrichten, sogar das Frühstück durch ein Weckerl am Schulweg zu ersetzen, um Zeit einzusparen. Nichts will so recht klappen. Es hängt alles am Anziehen.

Die Lösung: Statt das Gewand nur am Vorabend herzurichten, wird es direkt am Vorabend angezogen und das Kind schlüpft am Morgen fix fertig für den Tag aus dem Bett, kann noch gemütlich frühstücken und kommt trotzdem ohne Stress rechtzeitig in die Schule. Wenn einmal eine festere Jeans, im Winter ein wärmerer Pulli oder im Sommer ein knitteranfälliges Kleid angezogen wird, ist es kein Problem, diese einzelnen Kleidungsstücke morgens noch schnell überzustreifen. So einfach kann es gehen, wenn man nur gewillt ist, ein paar lästige Konventionen über den Haufen zu werfen.

 

Wie ist das bei euch? Ist Anziehen bei euch auch so ein heißes Thema? Kennt ihr den Zoff um den Stoff? Und welche Strategien habt ihr dafür entwickelt?

Ich freue mich auf eure Geschichten und gerne auch eure Fragen und Anregungen in den Kommentaren!
Und schaut doch nächste Woche wieder vorbei, wenn wir uns unter anderem anschauen, wie wir mit kleinen Nudistinnen und Jackenverweigerern konstruktiv umgehen können!

Nie mehr Machtkampf

Mehr über den Weg raus aus „beliebten“ Elternfallen und ebenso liebevolle wie lösungsorientierte Kommunikation in der Familie gibt’s in meinem Workshop „Nie mehr Machtkampf. Dein Weg raus aus der Elternfalle“!

Für Gruppen ab 4 Personen könnt ihr ihn als workshop @home (im Sommer auch gerne als Frischluft-Workshop) buchen!