Druck erzeugt Gegendruck!

Wie Physik uns zu besseren Eltern macht

Audio Blog

Für alle, die lieber hören als selber lesen

#Elternmantras nenne ich kleine Sätze, Zeilen oder Wörter, die ich mir im Elternalltag immer wieder selbst vorsage, und die mir dabei helfen, mit gewissen Situationen oder Emotionen besser zurecht zu kommen. In dieser Serie möchte ich einige davon mit euch teilen – auf dass sie auch euer Elternleben entlasten und bereichern können.

Heute möchte ich euch ein Elternmantra vorstellen, das mir oft hilft, wenn ich Gefahr laufe meine Kinder (oder andere Leute) unter Druck zu setzen und damit die Situation einen Schritt weiter in Richtung Eskalation zu treiben. Druck erzeugt Gegendruck!. Das ist jetzt vielleicht nicht, was man sich gemeinhin unter einem stärkenden Mantra vorstellt – klingt eher wie ein rot eingerahmter Merksatz aus einem Physikbuch… Aber glaubt mir, es ist ein Merksatz, der euer Leben verändern kann…

Ich habe einmal in einem Seminar für Elternbildner*innen eine Übung kennengelernt, die so simpel und so genial ist, dass ich sie in mein Methodenkästchen gepackt habe und gerne in Workshops oder Beratungen anwende. Habt ihr Lust, sie mal auszuprobieren?

Idealer Weise habt ihr dafür eine zweite Person bei der Hand, wenn nicht, tun es auch eure eigenen beiden Hände. Legt nun die beiden Hände mit den Handflächen aneinander (siehe Abbildung) und macht euch aus, welche Hand „Hand A“ und welche „Hand B“ ist. Hand B bekommt nun eine kleine Aufgabe: Übe Druck auf Hand A aus!

Ich warte hier einen Moment, bis ihr die Aufgabe ausgeführt habt…

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Fertig? Okay, dann dürft ihr weiterlesen!

(c) Vincent Le Moign, CC BY 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/4.0>, via Wikimedia Commons

Eine unwillkürliche Reaktion

Was ist passiert? Ich habe eigentlich nur Hand B eine Aufgabe gegeben, Hand A hatte keinen Auftrag zu reagieren. Und doch bin ich mir sicher, dass Hand A unwillkürlich gegengehalten hat, um ihre Position zu behalten. Vielleicht hat Hand B sanften Druck ausgeübt, sodass es für Hand A ein Leichtes war, ihm zu widerstehen und ihr habt im Wesentlichen die Position gehalten. Vielleicht ging es bei euch etwas kompetitiver zu und Hand A hat nicht nur ihre Position gehalten sondern ist zum Gegenangriff übergegangen, wollte nun ihrerseits Hand B verdrängen. Was mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht passiert ist (außer natürlich, ihr kennt das Experiment schon oder habt oben gut mitgedacht und wolltet mir eins auswischen), das ist, dass Hand A sich einfach wegdrücken ließ. Spannend, oder?

Noch spannender, dass sich dieses Prinzip in allen möglichen Situationen beobachten lässt, in denen Menschen auf andere Menschen (oder auch Tiere) Druck ausüben und glauben, sie können damit etwas errreichen: Sobald wir Druck spüren, machen wir zu, blockieren, wollen uns nicht rumschubsen lassen, versuchen mit aller Kraft unsere Position zu halten (selbst wenn sie uns vorher gar nicht sooo wichtig war), reagieren trotzig,,… Und trotzdem versuchen wir es immer und immer wieder…

Ich lade euch ein, einmal in euren Erinnerungen zu kramen und drei Situationen herauszusuchen:

1. Eine Situation, in der auf euch Druck ausgeübt wurde, und in der ihr genau so reagiert habt wie in der Übung vorhin. Vielleicht wärt ihr eigentlich gar nicht so abgeneigt gewesen, das zu tun, was von euch verlangt wurde, aber sobald ihr den Druck dahinter gespürt habt, war der Ofen aus bei euch. Wir alle kennen solche Situationen zur Genüge!

2. Eine Situation, in der ihr erfolglos versucht habt, mit Druck etwas bei einem anderen Menschen zu erreichen. Was hat dazu geführt, dass ihr Druck ausgeübt habt? Wie habt ihr das gemacht? Wie ist die Situation weiter ausgegangen?

3. Eine Situation, in der ihr erfolgreich Druck eingesetzt habt, um etwas bei einem anderen Menschen zu erreichen. Spoiler Alert: Ich rechne eigentlich damit, dass die allermeisten von euch keine Situation parat haben, die sie mit der Ausübung von Druck erfolgreich gelöst haben. Falls doch, stellt euch dazu folgende Fragen: Wurde die Situation wirklich gelöst? Habt ihr wirklich das erreicht, was ihr erreichen wolltet? Hat wirklich der Druck zur Erreichung des Ziels geführt? Welche „Nebeneffekte“ gab es, vor allem in der Gefühlslandschaft aller Beteiligten?

 

Die Innendruck-Außendruck-Gegendruck-Spirale

Wenn wir aber wissen, dass es wenig aussichtsreich ist, Druck auszuüben, um unsere Ziele sozial verträglich umzusetzen, warum versuchen wir es trotzdem immer wieder?

Wer kennt das nicht? Ein typischer Morgen, die Uhr tickt in der Stunde vor der geplanten Aufbruchszeit unfairer Weise irgendwie immer schneller als die restlichen 23 Stunden des Tages – und die lieben Kleinen mutieren im Gegenzug zu Faultieren, die sich nur in Zeitlupe bewegen können… Und das ausgerechnet heute, wo wir einen wichtigen Termin haben und WIRKLICH pünktlich losmüssen!

Wir sind ohnehin schon etwas nervös vor dem Termin, checken hundert mal, ob wir auch alles dabei haben, versuchen im Kopf mögliche Szenarien durchzuspielen, während wir unserem Kind die Zähne putzen… Äh, putzen würden, wenn der Mund endlich aufginge… Himmel Herrgott! Das kann doch nicht wahr sein! Was ist denn jetzt los? Das ist doch nicht das erste Mal, dass wir die Zähne putzen! Wir reißen uns zusammen und bitten unser Kind trotz unserer inneren Anspannung betont freundlich, den Mund jetzt bitte zu öffnen. Doch das nützt nichts, die Lippen bleiben fest aufeinander gepresst. Wir fühlen uns persönlich angegriffen! Unser Ton wird schärfer, vielleicht halten wir das widerspenstige Kind mit festem Griff auf unserem Schoß fest, dem es sich prompt zu entwinden versucht, was wiederum dazu führt, dass wir noch fester zupacken… Willkommen in der Druck-Eskalitions-Spirale! Wenn wir nicht spätestens jetzt intervenieren, wird es vermutlich zu Geschrei und Tränen kommen, womöglich auf beiden Seiten.

Was ist hier eigentlich passiert? Wir standen bereits zu Beginn der Situation unter innerem Druck, den unser Kind wahrscheinlich gespürt hat. Jetzt hat es sich aber nicht gedacht „Ah, die Mama steht unter Druck, jetzt bemüh ich mich, ihr besonders entgegen zu kommen!“ Das wäre praktisch, aber so funktionieren Kinder leider nicht. Sie reagieren instinktiv auf Druck mit – erraten! – Gegendruck, indem sie uns den Zugang zu ihrem Mund verweigern. (Ganz ehrlich, wenn ich mir vorstelle, ich sitze bei der Zahnärztin, dann mach ich den Mund auch lieber auf, wenn ich das Gefühl habe, sie ist entspannt und bei der Sache. Wenn ich hingegen das Gefühl habe, sie ist gestresst und abgelenkt, überlege ich mir vielleicht, den Termin doch zu verschieben…) Wir können uns in unserem Stress aber auch nicht so gut in unser Kind hinein versetzen, sondern beziehen sein Verhalten auf uns: Wir fühlen uns boykottiert. („Das machst du mir doch zu Fleiß!“, denken wir uns vielleicht.) Wir denken, wenn wir unseren inneren Druck dem Kind jetzt weitergeben, dann wird es fühlen, wie dringend es uns ist und endlich kooperieren. Aber weit gefehlt: Auf den verstärkten Druck folgt – erraten! – verstärkter Gegendruck! Den wir wiederum persönlich nehmen und daher darauf mit noch mehr Druck reagieren – quasi Gegendruck erzeugt Gegengegendruck

 

Die Masche mit der Angst

Ich erlebe immer wieder, dass es Eltern aus der Fassung bringt, dass ihre Kinder den Ernst der Lage noch immer nicht begreifen und entsprechend spuren, auch wenn die Eltern schon hocheskaliert sind und herumbrüllen. „Ich weiß nicht, wieso er nicht einmal dann auf mich hört! Ich hab damals schon gewusst, wenn der Papa laut ist, dann tu ich besser, was er sagt! Aber mein Sohn grinst mich noch immer an, als wäre es ein Spiel…“ sagen sie dann, oder „Mehr als schreien kann ich nicht! Die nächste Stufe wäre, dass ich ihr eine schmier, aber das will ich natürlich nicht. Warum erkennt sie nicht, dass jetzt wirklich Schluss ist???“

Tendenziell drängen sich die Muster unserer Kindheit immer stärker in den Vordergrund, je höher wir in der Eskalation sind. Wir tun das, was bei uns in der Kindheit funktioniert hat. Das ist je prinzipiell keine verkehrte Strategie, sich auf Bewährtes zu besinnen – blöd nur, wenn es den eigenen Grundsätzen zuwiderläuft. Dann haben wir nämlich ein Problem. Und der Grund, warum es bei uns funktioniert hat, dass wir ab einem bestimmten Punkt gewusst haben, dass wir den Bogen jetzt nicht mehr überspannen sollten, war nicht etwa, dass wir unseren Eltern gegenüber so viel empathischer waren als unsere Kinder uns gegenüber, sondern schlicht und ergreifend, dass wir Angst hatten und deshalb spurten. Wenn wir uns an die dritte Frage von oben erinnern, war der Einsatz von Druck in diesen Situationen also deshalb (scheinbar) erfolgreich, weil Angst im Spiel war.

Eltern sind in unserer Gesellschaft in den vergangen Jahrzehnten und Jahrhunderten mit ihrem Nachwuchs nicht immer gerade zimperlich umgegangen und haben sich nicht gescheut, Macht und Gewalt anzuwenden, um ihre Ziele durchzusetzen. Zum Glück ist der Gegentrend jetzt schon ein Weilchen zu beobachten, sodass wir, die wir jetzt Eltern sind, von unseren Eltern in vielen Fällen schon ein gutes Stück weniger Machtausübung zu spüren bekommen haben als diese noch von ihren Eltern. Und doch steckt es vielen von uns – nämlich genau jenen, die dann Fragen stellen wie die beiden Beispiele oben – noch in den Knochen, dass man vor Mama oder Papa ab einer gewissen Eskalationsstufe Angst bekommen muss, weil es dann nämlich schmerzhaft wird… Eine Erfahrung, die wir unseren Kindern natürlich ersparen wollen!!!

Und jetzt kommt der wirklich, wirklich schöne Teil: Was sagen uns denn unsere Kinder, wenn sie uns auch in der Eskalation noch furchtlos Widerstand leisten? Was sagen sie uns, wenn sie uns über den Punkt hinaus provozieren, über den wir uns bei unseren eigenen Eltern aus gutem Grund nie drüber getraut hätten? – Sie sagen uns: „Ich habe keine Angst vor dir. Ich vertraue dir blind und in jeder Situation, mag sie auch noch so herausfordernd sein. Ich fühle mich sicher bei dir.“ Und wenn das nicht ein wunderbares Kompliment ist, dann weiß ich auch nicht…

 

Ausstieg aus der Druck-Spirale

Wunderbar, jetzt haben wir erkannt, wie die Druckspirale funktioniert und dass sie (wie die meisten Spiralen) nirgendwo hinführt – zumindest nicht dorthin, wo wir hin wollen… Aber wie schaffen wir jetzt den Ausstieg? Uns einfach vornehmen, dass wir nie wieder Druck ausüben wollen, ist zwar ein guter Vorsatz, aber die haben für sich genommen ja bekanntlich eine gewisse Tendenz zur Unwirksamkeit. Wir brauchen also einen Ausstiegsplan und ein Alternativszenario.

Und da kommt unser #Elternmantra ins Spiel: Wann immer ich den Druck in mir aufsteigen fühle, spätestens dann, wenn ich bemerke, dass ich bereits beginne ihn weiterzugeben, sage ich es mir vor: „Druck erzeugt Gegendruck. Druck erzeugt Gegendruck. Druck erzeugt Gegendruck“ (manchmal braucht’s ein paar Wiederholungen, bis es ankommt). Und mit diesem Mantra hole ich mir all die Aspekte her, die ich hier versucht habe euch darzulegen: Dass es nirgendwo hinführt als in die Eskalation; wie schön es ist, dass meine Kinder keine Angst vor mir haben; und dass ich die Erwachsene in der Situation bin und es daher an mir liegt, aus der Spirale auszusteigen.

Wenn es irgendwie möglich ist, gehe ich für diesen Moment (denn länger dauert es nicht, ich verliere also auch am Morgen vor dem wichtigen Termin keine wichtigen Minuten) zumindest ein paar Schritte beiseite oder in ein anderes Zimmer, um auch physisch Abstand zwischen mich und die Situation zu bringen. Wenn ich damit fertig bin, bin ich von 180 zumindest wieder auf 75 herunten. Falls es noch notwendig ist, kann ich jetzt noch schauen, was ich brauche, um meinen Innendruck zu reduzieren, damit ich nicht bei der nächsten Gelegenheit mit Anlauf auf die nächste Druckspirale aufspringe. Das können ein paar tiefe Atemzüge am offenen Fenster sein, eine kleine Achtsamkeitsübung, um wirklich ganz in den Moment zu kommen statt irgendwo in der Zukunft festzuhängen, ein Glas Wasser oder Saft, was auch immer. Und dann kann ich noch einmal in aller Ruhe, mit echter Freundlichkeit statt nur erzwungener, mit liebevoller Zugewandtheit und einem ungetrübten Blick in die Situation zurück gehen und mit meinem Kind gemeinsam eine Lösung finden.

 

Wenn ihr Lust habt, probiert es doch einfach auch mal aus – wenn ihr das nächste Mal merkt, dass ihr in eine Druckspirale geratet oder bereits mitten drin seid, geht einen Schritt zur Seite und sagt euch selbst „Druck erzeugt Gegendruck“, so lange, bis ihr es euch selbst glaubt. Und spürt, wie allein eure Entspannung zur Entspannung der ganzen Situation beiträgt!

 

Wie ist das bei euch? Wie steigt ihr aus Druckspiralen aus? Was hilft euch, euren Innendruck zu reduzieren?

Ich freue mich auf eure Geschichten und gerne auch eure Fragen und Anregungen in den Kommentaren!
Und schaut doch nächste Woche wieder vorbei! Im Juni bringt an dieser Stelle die neue Kategorie #sogeht’sauch frischen Sommerwind in eingefahrene Situationen… 

Nie mehr Machtkampf

Mehr über den Weg raus aus „beliebten“ Elternfallen und ebenso liebevolle wie lösungsorientierte Kommunikation in der Familie gibt’s in meinem Workshop „Nie mehr Machtkampf. Dein Weg raus aus der Elternfalle“!

Für Gruppen ab 4 Personen könnt ihr ihn als Wohnzimmer-Workshop (im Sommer auch gerne als Frischluft-Workshop) buchen!