Du bist die Stimme in ihrem Kopf!

Die Art, wie wir mit unseren Kindern sprechen, begleitet sie ein Leben lang

#Elternmantras nenne ich kleine Sätze, Zeilen oder Wörter, die ich mir im Elternalltag immer wieder selbst vorsage, und die mir dabei helfen, mit gewissen Situationen oder Emotionen besser zurecht zu kommen. In dieser Serie möchte ich einige davon mit euch teilen – auf dass sie auch euer Elternleben entlasten und bereichern können.

Heute möchte ich euch ein Elternmantra vorstellen, das mich – und hoffentlich auch euch – ganz tief drinnen berührt, wenn es um die Art und Weise geht, wie wir mit unseren Kindern reden: Du bist die Stimme in ihrem Kopf!. Das ist meine Kurzform für „Die Art, wie wir mit unseren Kindern sprechen, bestimmt, wie die innere Stimme klingt, die sie ein Leben lang in ihrem Kopf begleiten wird.

Manchmal lese ich in einem schlauen Buch einen Satz, der mich erwischt. Den ich noch einmal lesen muss und noch einmal, und dann eine Pause machen, um ihn wirken zu lassen, bevor ich weiterlesen kann. Meistens markiere ich ihn dann irgendwie. Manchmal war’s das dann, und manchmal auch nicht. Dann bleibt er bei mir, der Satz, begleitet mich erst eine Zeit lang sehr intensiv, um dann in den Hintergrund zu treten und nur noch bei Bedarf aktiviert zu werden – und wird so aufgenommen in die Schatzkiste meiner #Elternmantras.

Genau so ist es mir mit diesem Satz gegangen. Blöder Weise habe ich ihn ausnahmsweise NICHT markiert und kann euch, obwohl meine akademische Prägung mir das eigentlich gebieten würde, hier keine konkrete Quellenangabe nennen. Ich bin mir aber fast sicher, dass er in einem dieser beiden wundervollen Bücher zu finden ist, die ich zu dieser Zeit parallel gelesen habe: Nicola Schmidt: Erziehen ohne Schimpfen. oder Danielle Graf & Katja Seide: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5 bis 10. Beide Bücher kann ich euch sowieso nur nachdrücklich ans Herz legen, also wenn ihr auf der Suche nach dem einen Satz das ganze Buch lest, könnt ihr nur gewinnen dabei ;).

Die Eltern in unserem Kopf

Eine Situation, die wir alle so oder so ähnlich schon erlebt haben: Eine Person wischt aus Unachtsamkeit mit dem Ellenbogen ein Glas vom Tisch, während sie nach etwas anderem greift. Ist euch schon einmal aufgefallen, dass es – dafür, dass das eine so allgemein verbreitete Situation ist – eine bemerkenswerte Bandbreite an Reaktionen darauf gibt? Die einen sagen „Oh nein! Das ist ja wieder mal typisch! Ich bin ja so ungeschickt!“. Die nächsten können gar nicht aufhören damit, sich zu entschuldigen und zu betonen, wie unangenehm und peinlich ihnen das ist. Wieder andere suchen sofort einen anderen Schuldigen: „Wer hat das Glas hier so bescheuert hingestellt??? Ich hätte mich an den Scherben verletzen können!!!“. Und manche sagen einfach „Oje! Das tut mir leid!“ und holen einen Fetzen, um das verschüttete Wasser aufzuwischen und einen Besen für die Scherben.

Ich würde darauf wetten, dass all diese Reaktionen spiegeln, wie die Eltern der jeweiligen Personen in ihrer Kindheit auf (unbeabsichtigtes) Fehlverhalten reagiert haben. Person A hat wahrscheinlich sehr oft Vorwürfe für ihre Ungeschicklichkeit bekommen, die sie so sehr internalisiert hat, dass sie nun der Ansicht ist, ihre Ungeschicklichkeit wäre ein unabänderlicher Wesenszug. Das ist besonders perfide, weil ihr dadurch einerseits eingeimpft wurde, dass es da etwas an ihr gibt, das definitiv nicht okay ist – und andererseits dass es keine Möglichkeit gibt, das, was nicht okay ist, zu ändern – da kann man nur resignieren. Person B hörte vielleicht Sätze wie „Schäm dich! Jetzt entschuldigst du dich aber sofort!“. Person C wuchs vermutlich in einer Familie auf, in der es keine Kultur des Übernehmens von Verantwortung für das eigene Handeln und dessen Folgen gab. Stattdessen erlebte sie womöglich das Paradox, dass sie einerseits des öfteren als Sündenbock für die Handlungen bzw. Handlungsfolgen ihrer Mitmenschen herhalten musste und andererseits für ihre eigenen Handlungen bzw. deren Folgen andere verantwortlich gemacht wurden. Die zu Grunde liegende Philosophie lautete „Die Ursache liegt immer im Außen“. Person C schließlich erfuhr wohl den gesündesten Umgang mit Fehlverhalten: Es wurde wahrgenommen, ggf. benannt und sie erhielt die Chance, es wieder gut zu machen.

Vielleicht kennt ihr auch Situationen, in denen ihr, auch wenn ihr den Kinderschuhen schon ein Weilchen entwachsen seid, innerlich noch deutlich die Stimmen eurer Eltern hört? Vielleicht hören sie sich wirklich noch an wie eure Eltern, vielleicht hat sich der Klang aber auch schon an eure eigene innere Stimme angeglichen, aber an den Worten oder Formulierungen erkennt ihr noch, dass es die gleichen sind, die ihr schon in eurer Kindheit gehört habt. Was sagt ihr zum Beispiel zu euch selbst, wenn euch etwas misslingt? Was, wenn ihr nervös seid oder Angst vor etwas habt? Was, wenn euch etwas gut gelingt, ihr einen Erfolg feiert? Was, wenn euch eine große Herausforderung bevorsteht? Was, wenn euch jemand Unrecht getan hat? Spürt mal hinein und schaut, ob ihr die Stimmen eurer Eltern orten könnt. – Was sagen sie? Welche Botschaft vermitteln sie euch? Sind sie hilfreich, liebevoll, unterstützend? Oder sind sie kontraproduktiv, abwertend, hinderlich?

Wenn wir selber Eltern werden, verstummen diese internalisierten Elterninstanzen in unseren Köpfen nicht – manchmal kommt es mir so vor, als würden sie sogar noch lauter werden. Denn nun geht es ja nicht mehr nur um uns, sondern es geht auch um unsere Vorstellungen davon, wie Eltern sind – zu sein haben – und wie sie mit ihren Kindern reden. Und wenn wir nicht darauf achten, dann geben wir unseren Kindern einfach dieselben Sätze und Botschaften weiter, die uns von unseren Eltern mitgegeben wurden, und ihnen von deren Eltern, und immer so weiter. Das kann eine wundervolle Ressource sein, wenn es stärkende Botschaften sind, die da tradiert werden, die uns das Leben leichter oder schöner machen. Das kann aber auch eine große Bürde sein, wenn wir unseren Kindern die Steine in den Lebensrucksack packen, an denen sich schon unsere Großeltern abgeschleppt und unter denen schon unsere Eltern gelitten haben.

 

Den Text neu schreiben, die Karten neu mischen

Genau deshalb zahlt es sich wirklich, wirklich aus, uns gut anzuschauen, was wir in unserem Lebensrucksack so an Nützlichem und weniger Nützlichem mit uns herumtragen – und was davon wir unseren Kindern in ihre Rucksäckchen packen wollen, und was wir beruhigt aussortieren bzw. durch etwas anderes ersetzen wollen.

Wir wünschen uns ja, dass unsere Kinder ihr ganzes Leben lang liebevoll mit sich selbst umgehen werden, dass sie sich selbst ihre Fehler nicht zu krumm nehmen und zuversichtlich sind, dass sie jene Aspekte an ihrem Verhalten, die sie nicht so gut finden, ändern und verbessern können. Dass sie mit einem gesunden Selbstwertgefühl und einem positiven Selbstbild gesegnet sind….

Gesegnet? Ja, es ist ein Segen – aber einer, den wir ihnen zuteil werden lassen können. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder liebevoll mit sich selbst umgehen, dann müssen wir ihnen Tag für Tag zeigen, wie das geht. Wenn wir wollen, dass sie in herausfordernden Situationen des Lebens positive, aufbauende, hilfreiche Gedanken denken, dann müssen wir ihnen diese immer wieder vorsagen, wenn sie mit den – uns oft so klein und ihnen so groß erscheinenden – Herausforderungen der Kindheit konfrontiert sind. 

Wenn wir wollen, dass unsere Kinder, wenn ihnen später ein Glas runterfällt, sie eine Prüfung nicht bestehen, eine Beziehung in die Brüche geht oder ein Bewerbungsgespräch schief läuft, „oje“ sagen und sich daran machen, die Scherben wegzuräumen, anstatt an ihrer eigenen Unzulänglichkeit zu verzweifeln oder die Schuld immer bei anderen zu suchen, dann können wir hier und heute damit anfangen, den Weg dafür zu ebnen. Indem wir uns immer wieder daran erinnern, dass die Stimme, in der wir jetzt zu ihnen sprechen und die Worte, die wir dabei verwenden, sich für immer in ihr Denken einschreiben.

Und zumindest mir geht es so, dass ich es als unglaublich hilfreich empfinde, mir diese Perspektive immer wieder herzuholen. Denn die Mühen des Alltags können einem schnell einmal den Blick aufs Wesentliche verstellen und in Vergessenheit geraten lassen, wie bedeutsam all die vermeintlichen Kleinigkeiten sind, die schließlich zum großen Ganzen verschmelzen.

 

Aber ich kann doch nicht immer…

Wir Eltern sind auch nur Menschen – und spätestens anhand der Lebensaufgabe der Elternschaft sollten wir uns den Perfektionismus abgewöhnen. Es gibt nicht die perfekten Eltern, und wenn es sie gäbe, wäre ihren Kindern damit auch nicht geholfen. (Das ist vielleicht ein Elternmantra für einen anderen Tag.) Jedenfalls geht es nicht darum, immer perfekt zu sein und nie einen Fehler zu machen. Es geht lediglich darum, uns auch im Kleinen unsere Verantwortung immer wieder bewusst zu machen und danach zu handeln.

Das ist, wie so vieles, auch einfach Übungssache. Ihr werdet sehen, wenn ihr lange genug dranbleibt, werden euch die Dinge, an die ihr zu Beginn noch ganz gezielt denken müsst, irgendwann in Fleisch und Blut übergehen. Eine Kleinigkeit, mit der ihr ganz leicht sofort beginnen könnt: Sagen wir unseren Kindern möglichst wenige Sätze, die mit „Du bist“ beginnen. Denn das ergibt starre Strukturen im Selbstbild. Kinder, die oft Sätze hören wie „Du bist so schlampig!“, „Du bist so unfreundlich!“, „Du bist ungeduldig!“ oder „Du bist schüchtern!“ halten diese Eigenschaften für unabänderlich und sehen sie als fixe Bestandteile ihrer Persönlichkeit – denen sie dann auch in weiterer Zukunft entsprechen müssen. Wenn wir stattdessen Dinge sagen wie „Das mit dem Ordnung Halten können wir noch üben.“, „Das, was du gerade gesagt hast, hat XY gekränkt.“, „Das Warten fällt dir gerade echt schwer!“, „Du fühlst dich gerade schüchtern“, dann sind es Momentaufnahmen, die die Freiheit implizieren, dass es ein anderes Mal ganz anders sein kann. (Wenn ihr nicht so viel über Formulierungen nachdenken wollt, haltet euch einfach an die Faustregel „Du bist…“ wird zu „Du fühlst dich…“.)

Wahrscheinlich wird es euch auch hin und wieder passsieren, dass der Mund schneller ist als das Hirn und euch erst im Nachklang bewusst wird, dass ihr etwas eigentlich lieber anders gesagt hättet. Macht nix! Wir sind alle in einem immer andauernden Lernprozess. Und diese Gelegenheiten können wir ja prima nützen, um unseren Kindern zu zeigen, wie wir konstruktiv mit Situationen umgehen, in denen uns im Nachhinein klar wird, dass wir etwas lieber nicht oder anders getan hätten. Zum Beispiel, indem wir uns entschuldigen und sagen, was wir eigentlich lieber gesagt hätten. (Wenn wir übrigens wollen, dass unsere Kinder lernen sich zu entschuldigen, wenn sie etwas falsch gemacht oder jemandem weh getan haben, dann ist das der beste Weg, diesen Lernerfolg zu erreichen – viel nachhaltiger und effektiver als das vielfach praktizierte erzwungene Entschuldigen à la „Jetzt gibst du ihm*ihr die Hand und entschuldigst dich!“, aber das nur nebenbei…)

 

Wenn ihr Lust habt, probiert es doch einfach auch mal aus – denkt euch einmal einen Tag lang bewusst bei jedem Satz, bei jedem Wort, das ihr an eure Kinder richtet „Du bist die Stimme in ihrem Kopf!“ und schaut, was es mit euch macht!

 

Wie ist das bei euch? Was sagen euch eure Eltern im Kopf? Und was davon hört ihr euch selbst zu euren Kindern sagen? Wie schafft ihr es, euch immer wieder an die Bedeutsamkeit eures alltäglichen Tuns zu erinnern?

Ich freue mich auf eure Geschichten in den Kommentaren! Und schaut nächste Woche wieder vorbei zum nächsten #Elternmantra!  

Mehr über eure Stimmen und Rucksäcke erfahren

Hat dieser Artikel euch neugierig gemacht, euch genauer mit euren inneren Stimmen und dem Inhalt eurer Rucksäcke auseinanderzusetzen? Wollt ihr die Rucksäckchen eurer Kindern bewusster packen?

Ich habe den Beratungszyklus „Eltern Werden – Eltern Sein. Die Suche nach eurem persönlichen Elternweg“ entwickelt, der sich genau mit diesen Themen auseinandersetzt, und an dessen Ende eure ganz persönliche „Eltern-Vision“ steht. Ich freue mich, euch durch diesen spannenden und bewegenden Prozess zu begleiten!