Lass die Leute reden und hör ihnen nicht zu…

Gelassen bleiben bei Kritik und ungefragtem Rat

Audio Blog

Für alle, die lieber hören als selber lesen

#Elternmantras nenne ich kleine Sätze, Zeilen oder Wörter, die ich mir im Elternalltag immer wieder selbst vorsage, und die mir dabei helfen, mit gewissen Situationen oder Emotionen besser zurecht zu kommen. In dieser Serie möchte ich einige davon mit euch teilen – auf dass sie auch euer Elternleben entlasten und bereichern können.

Ich hatte euch für diese Woche eigentlich ein #sogehtsauch zum Thema Zähneputzen angekündigt. Aber nun habe ich seit Tagen einen Ohrwurm und eigentlich ist der auch so etwas wie ein #Elternmantra. Und zwar eines, das gerade in Zusammenhang mit den #sogehtsauch-Strategien so wichtig und hilfreich ist, dass ich es heute einfach noch schnell vor dem Zähneputzen einschiebe. Nächste Woche geht’s dann an die Zahnbürsten. Versprochen! Heute singen wir mit den Ärzten: „Lass die Leute reden und hör einfach nicht zu…

Was sollen die Leute denken?

In den letzten Wochen haben wir uns intensiv mit dem Verhältnis unserer Kinder zum Thema Kleidung beschäftigt und ich habe euch unter anderem vorgeschlagen, eure Kinder radikal selbst entscheiden zu lassen, was sie anziehen und wie sie ihre Kleidungsstücke kombinieren wollen. Und ich habe in meinem Kopf schon gehört, wie manche von euch seufzen und stöhnen: „Das kann ich doch nicht machen!„, „Wie schaut denn das aus?„, „Was sollen die Leute im Kindergarten oder in der Nachbarschaft denken?

Und das Thema Kleidung ist bei weitem nicht das einzige, bei dem wir in unserem Eltern Sein in Konflikt mit den Meinungen der anderen (bzw. unseren Vorstellungen und Befürchtungen über die Meinungen anderer) geraten können. Denn aus irgendeinem Grund fühlen sich anscheinend alle Menschen dazu berufen, zu Eltern-Themen eine Meinung zu haben und einem diese ungefragt zu unterbreiten – möglichst in Situationen, in denen wir uns eigentlich ganz auf unser Kind konzentrieren wollen. Und zwar ganz besonders, wenn unsere Eltern-Philosophie und die damit verbundenen Methoden und Strategien nicht mit dem Mainstream übereinstimmen. Egal, ob es offen geäußerte Kritik, hinter dem Rücken Gemauscheltes oder hinter einem etwas zu freundlichen Gesichtsausdruck zu vermutendes Missfallen ist, das uns hier das Leben schwer macht: Es hilft ungemein, sich davon zu distanzieren und das Gewicht abzuschütteln – und dabei hilft mir seit Beginn meiner Elternschaft der oben genannte Ohrwurm, den ich fast auswendig kann, weil er in einer Zeit im Radio rauf und runter gespielt wurde, in der ich berufsbedingt viele Stunden mit mit Radiosendern zwangsbeschallt wurde, die ich mir selbst nicht ausgesucht hätte – „Man weiß nie, wozu’s gut ist“, hat mein Opa immer gesagt ;).

Eine unvollständige Liste an Themen, dank derer ich in den letzten Jahren hinreichend Gelegenheit hatte, dieses Mantra innerlich vor mich hin zu trällern:

Ich stille meine Kinder zu lang, damit halte ich sie klein und abhängig und es ist ein Zeichen dafür, dass ich nicht loslassen kann. Moment, wenn ich nicht loslassen kann, warum bin ich dann gleichzeitig eine Rabenmutter, weil ich meinen Kindern zu viele Freiheiten lasse, sie auf Klettergerüste und Bäume kraxeln lasse, ohne sichernd und in Erwartung eines Sturzes daneben zu stehen?

Aber dass sie im Familienbett schlafen, bis sie von selber ausziehen, ist schon wiederum ein Zeichen dafür, dass ich sie künstlich klein halte, oder? Aber dass sie kurze Wege alleine und ohne Aufsicht gehen dürfen, ist wiederum verantwortungslos… so wie kochende und Gemüse schnippelnde (Klein-)Kinder, die aber andererseits ihr Körperkontaktbedürfnis unabhängig von ihrem Alter äußern und stillen dürfen… uff, da kommt man ja ganz schön ins Schwitzen.

Ein Vierjähriger, der mit Schnuller im Kinderwagen chauffiert wird: Völlig normal! Eine Dreijährige, die noch hin und wieder in der Komforttrage sitzen oder stillen darf: Unerhört!

Mit vier Monaten: Waaaas, du gibst noch keine Beikost??? Deinem Kind fehlen wichtige Nährstoffe! Mit sechs Monaten: Waaaaaas, du lässt dein Kind selber essen???? Es wird ersticken!

Ausscheidungskommunikation? Das ist verfrühtes Sauberkeitstraining! Du richtest damit psychische Schäden an deinem Kind an!!! Kinder entwickeln sich ganz natürlich aus der Windel heraus! (Weil Windeln ja so etwas Natürliches und von der Evolution total mit Eingeplantes sind…) Dein Kind schläft nicht durch und erst recht nicht alleine ein? Mach doch ein Schlaftraining, dann lernt es schon, alleine einzuschlafen, du brauchst nur starke Nerven beim Schreien-Lassen…

Starke Nerven brauchen wir allerdings als Eltern, aber nicht nur mit unseren Kindern sondern auch mit unserer Umwelt. Und da wir es sowieso niemals allen recht machen können, und da es manchmal ohnehin schon herausfordernd genug ist, unseren Kindern und unseren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, tun wir gut daran, all das an uns abgleiten zu lassen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und uns zu sagen „Lass die Leute reden…“

 

Der innere Zwiespalt

Wenn’s doch so einfach wäre! Dann könnte ich mir diesen Artikel ja fast sparen… Denn da gibt es noch das große ABER: Viele von uns, mich selbst eingeschlossen, haben gelernt, dass es nicht erstrebenswert ist, aus der Reihe zu tanzen, dass es wichtig ist, den Erwartungen von außen zu entsprechen und möglichst nicht aufzufallen. Und vielleicht haben wir unser Leben lang eigentlich ganz gut gelebt damit und diese Ansprüche nicht als Belastung wahrgenommen.

Das Ganze verkompliziert sich aber enorm, sobald unsere Kinder ins Spiel kommen: Übertragen wir unsere Ansprüche jetzt ungefiltert auf sie bzw. auf unser Verhalten ihnen gegenüber? Ist es uns unangenehm, wenn unser Baby schreit, weil wir glauben, diese Unannehmlichkeit den anderen nicht zumuten zu dürfen – so unangenehm vielleicht, dass wir so sehr darauf fokussiert sind, das Geschrei abzustellen, dass wir ihm gar nicht empathisch zuhören können? Zischen wir unserem Kleinkind während eines Emotionsausbruchs böse zu, dass es sich gefälligst zusammenreißen soll, weil die Leute schon schauen, obwohl wir es eigentlich lieber mitfühlend durch die Wogen seiner Gefühle begleiten würden?

Oder entscheiden wir uns für einen anderen Weg? Nehmen wir uns den Raum, die Eltern zu sein, die wir wirklich sein wollen und geben wir unseren Kindern den Raum, die Kinder zu sein, die sie sind! Auch wenn sich das zunächst vielleicht ungewohnt radikal, ja rücksichtslos anfühlt. Begleiten wir unsere Kinder durch ihr Gefühlschaos, auch wenn sich ob der Lautstärke vielleicht die eine oder andere Augenbraue hebt, gehen wir auf ihre Bedürfnisse ein, auch wenn wir dadurch den einen oder anderen „gut gemeinten“ Ratschlag riskieren.

Doch wie immer möchte hier noch dazu stellen: Der Weg ist das Ziel und Perfektionismus ist hier fehl am Platz! Einen für uns neuen, vielleicht radikal anderen Weg einzuschlagen, das erfordert Mut und Kraft und wir können nicht von uns erwarten, dass es uns immer mühelos und in stoischer Gelassenheit gelingt. Jedes kleine Bisschen von dem emotionalen Ballast, das wir abzuwerfen schaffen, macht uns selbst und unseren Kindern das Leben leichter und ermöglicht es uns, höher zu fliegen :).

 

Strategien

Aber wie mach ich das denn? Wie krieg ich’s hin, in der Situation diese innere Distanz aufzubauen, die es braucht, um die Kommentare und Meinungen wirklich an mir vorbei ziehen zu lassen? Mein erster Tipp: Wir holen uns Rückenstärkung durch Gleichgesinnte – in einschlägigen Austauschgruppen, Workshops, Kursen, Online-Gruppen, Freundschaften,… Das hilft, weil wir uns plötzlich nicht mehr fühlen, als wären wir die einzigen auf der Welt, die das so machen.

Auch mit unserem neuen Lieblingsohrwurm kann ich mir dieses Gefühl der Rückenstärkung ganz schnell herholen. Ich bin plötzlich nicht mehr alleine mit dem Problem. (Die Ärzte stehen hinter mir ;).) Und gute Laune macht er außerdem. Aber er hat auch noch ein paar konkrete Tipps für uns im Text:

„Lass die Leute reden und hör ihnen nicht zu,
die meisten Leute haben gar nichts besseres zu tun“ 

Wenn Menschen ein übergroßes Interesse am Leben der anderen zeigen und ihre liebste Freizeitbeschäftigung ist, sich das Maul über andere zu zerreißen, sagt das definitiv mehr über diese Personen aus als über jene, die Gegenstand ihrer Lästereien sind. Wir können also ganz beruhigt das Problem genau dort lassen, wo es eigentlich ist. Ja, wir können vielleicht manchmal sogar so weit gehen uns etwas zu denken wie „Du armer Mensch weißt mit deinem Frust nicht anders umzugehen als schlecht über mich zu reden. So ein Glück, dass ich gerade etwas gemacht habe, was dir missfällt und dir damit ein Ventil geben kann. Gern geschehen!„.

 

„Lass die Leute reden bei Tag und auch bei Nacht.
Lass die Leute reden, das haben die immer schon gemacht.“

Dass die, die es anders machen, schief angeschaut oder sogar angefeindet werden, ist kein neues Phänomen. Aber wir leben nicht mehr in Zeiten der Hexenverbrennung oder der Denunziation. Es droht uns keine Gefahr, wenn wir unbeirrt unseren Weg weiter gehen.

Beim Sich-nicht-beirren-Lassen helfen übrigens oft innere Bilder, mit denen wir visualisieren, wie das an uns vorbei geht. Zum Beispiel das Bild der Ente, die im See schwimmt und taucht und trotzdem völlig trocken ist, sobald sie an Land steigt, weil das Wasser an ihrem öligen Gefieder einfach abgleitet, ohne sie zu berühren. Oder, wenn es nicht ganz so mühelos geht, der Hund, der nach dem Bad zwar triefend nass ist, sich aber einmal kräftig schüttelt, dass die Wassertropfen nur so fliegen, und danach geht’s wieder. Oder, wenn Bilder aus dem Tierreich nicht so deines sind, vielleicht ein (unsichtbarer) Regenschirm, den du aufspannst und so unbehelligt durch’s Gewitter gehst.

 

„Lass die Leute reden und hör einfach nicht hin,
die meisten Leute haben ja gar nichts Böses im Sinn.“

 Aber oft ist es gar nicht so einfach zu unterscheiden zwischen dem Lästern als Ventil für die eigenen negativen Gefühle und den gut gemeinten Ratschlägen als Ausdruck von Zuneigung und Wohlwollen. Denn beides sind Strategien, die Menschen entwickeln, wenn sie nicht lernen, die eigenen Emotionen gut wahrzunehmen und auszudrücken. Dann suchen sie sich diese seltsamen Schleichwege. Manche Menschen können nicht sagen „Ich hab dich lieb“, sie müssen stattdessen sagen: „Zieh dir noch eine Jacke an!“ oder „Komm, iss noch ein Stück Kuchen!“

Was ich sagen will: Die Nachbarin, die Schwiegermutter, der Arbeitskollege, der euch völlig unbekannte Mensch in der Straßenbahn, die euch ständig ungefragt erklären, wie ihr das mit euren Kindern machen solltet, wollen euch damit vielleicht einfach nur sagen: „Mir liegt etwas daran, dass es dir und deinem Kind gut geht. Ich wünsche euch nur das Beste.“ Deswegen reagieren sie auch so eingeschnappt, wenn wir ihre Ratschläge genervt zurückweisen, denn in ihren Augen haben wir nicht nur den „guten Rat“ zurückgewiesen sondern ihre Zuneigung – und da wird’s natürlich persönlich…

Wenn wir uns das vor Augen führen, können wir innerlich zwischen der guten Absicht und dem wenig hilfreichen Input differenzieren. Wir nehmen also die Botschaft „Mir liegt etwas daran, dass es dir und deinem Kind gut geht“ dankbar an, während wir die Botschaft „Du musst deinem Baby unbedingt schon mit vier Monaten Brei füttern, um es frühzeitig an unterschiedliche Geschmacksrichtungen zu gewöhnen, weil es sonst auch später nur Muttermilch trinken will“ an uns abgleiten lassen, abschütteln, oder welches innere Bild wir auch immer dafür gewählt haben.

 

„Lass die Leute reden und lächle einfach mild,
Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD.“

In Österreich ist es wohl weniger die BILD und mehr die Krone oder Heute, aber das ist austauschbar. Das Zentrale ist: Die Kritik, um die es hier geht, entbehrt meist jeglicher sachlicher Grundlage. Wir tun uns leichter, wenn wir das wissen und uns vor Augen führen. Je besser ich über die Hintergründe der Methoden Bescheid weiß, für oder auch gegen die ich mich in meinem Eltern Sein entscheide, desto weniger kann mir unqualifizierte Kritik anhaben, weil ich sie zumindest innerlich für mich  widerlegen bzw. ihr etwas entgegensetzen kann. Wenn ich mich umfassend informiere und weiß, warum ich handle, wie ich handle, habe ich von Haus aus einen sichereren Stand.

An dieser Stelle ein kleiner Teaser: Irgendwann in den nächsten Monaten startet in diesem Blog eine weitere Serie mit dem Titel #100guteRatschläge – und warum ich nicht auf sie gehört habe, in der ich besonders beliebte „gute Ratschläge“ oder „Weisheiten“, mit denen ich in den ersten Elternjahren häufig konfrontiert war, aufgreife und ihnen eine andere Perspektive an die Seite stelle. So hoffe ich auch euch unterstützen zu können, wenn ihr sie zu hören bekommt.

Gleichzeitig wollen wir natürlich einen sachlichen Dialog und damit die Möglichkeit, dass beide Seiten etwas Neues dazu lernen könnten, nicht vor vorne herein ausschließen. Das ist mir sehr wichtig zu betonen: Es ist eine Sache, sich von unerwünschter Kritik und haltlosen Vorwürfen gut abzugrenzen, aber ist eine ganz andere, die Scheuklappen aufzusetzen und zu sagen „Ich habe mich für diesen Weg entschieden und kann daher nichts mehr zulassen, was mich eventuell dazu bringen könnte, meine Meinung zu ändern!“ Der Übergang zwischen den beiden ist leider manchmal fließend und besonders schwer zu erkennen, wenn man selber mitten drin steckt.

Wenn mein Gegenüber also mit leeren Worthülsen um sich wirft, schalte ich den Modus „Entengefieder/ nasser Hund/ Regenschirm“ ein. Wenn es aber tatsächlich die Möglichkeit für einen fruchtbaren Austausch gibt, nehme ich diesen dankbar an und freue mich, wenn ich aus der  Perspektive meines Gegenübers eine neue Erkenntnis gewinnen kann – bzw. wenn ich meinem Gegenüber eine andere Perspektive eröffnen kann.

 

Und schließlich:

 „Bleib höflich und sag nichts.
Das ärgert sie am meisten.“

Manchmal bietet auch das eine gewisse Genugtuung: Zu wissen, dass es gerade so gar nicht ins Skript des Gegenübers passt, wenn ich auf seine Einladung zum Tanz nicht einsteige, wenn ich keine Angriffsfläche biete, ruhig und freundlich bleibe, während ich innerlich all die oben genannten Strategien anwende, um auch in mir ruhig zu bleiben. Und wenn das jetzt fürchterlich anstrengend klingt: Erstens, es wird mit der Zeit leichter, weil es immer automatischer funktioniert – und zweitens, mit einem Liedchen auf den Lippen (oder zumindest im Kopf) geht sowieso alles leichter ;). 

 

Jetzt bin ich aber gespannt auf eure Erfahrungen! Was sind die absurdesten Vorwürfe oder Ratschläge, die ihr so zu hören bekommt? Und wie geht ihr damit um?

Ich freue mich auf eure Geschichten und gerne auch Fragen und Anregungen in den Kommentaren!
Und schaut doch nächste Woche wieder vorbei, zu #sogehtsauchZahnputzedition!

***Herzlichen Dank für die Illustration an Orsolya Fodor (@tamatea16 auf Instagram)***

Soundtrack: Die Ärzte „Lasse redn“

Selbstbestimmt statt mit dem Strom

Wenn ihr übrigens mehr über diese Methoden abseits des Mainstream erfahren wollt – ja, genau die, für die man dann schief angeschaut wird, obwohl sie doch so viel mehr Sinn ergeben und auch noch auf verschiedenen Ebenen Ressourcen sparen, dann schaut doch in der ersten Juliwoche bei der Schwerpunktwoche Minimalismus mit Baby und Kleinkind vorbei oder bucht meinen bedürfnisorientierten Eltern-Vorbereitungskurs! – Für Gruppen ab 4 Personen könnt ihr ihn als Wohnzimmer-Workshop (im Sommer auch gerne als Frischluft-Workshop) buchen!