Nie mehr Zoff um den Stoff!

Teil 3: Mit Spaß und Spiel zum Ziel

„So geht’s auch!“, denke ich mir manchmal, wenn eine Situation auf unvorhergesehene oder unkonventionelle Weise gemeistert oder aufgelöst wird. Dieses „thinking outside the box“, dieses Über-Bord-Werfen von eingefahrenen Mustern und überholten Vorstellungen, dieser Mut zum Andersmachen – das gehört für mich zu den nützlichsten Fertigkeiten im Elternalltag.

Im Grunde braucht es nur drei Zutaten, die uns den Ausstieg aus Machtkämpfen und festgefahrenen Situationen erleichtern:
1. Wir müssen bereit sein, unsere Vorstellungen davon, wie es sein sollte, zu hinterfragen und loszulassen.
2. Wir dürfen unserer Kreativität und der unserer Kinder beim Finden von neuen Lösungen freien Lauf lassen.
3. Wir brauchen mitunter etwas Übung, um in diese neue Art zu denken hineinzufinden.
Letzteres wird einfacher, wenn wir anderen dabei ein bisschen über die Schulter schauen können und uns so inspirieren lassen. Und genau dazu dient diese Serie. Wir nehmen exemplarische Situationen unter die Lupe, die in vielen Familien konfliktbehaftet sind, und schauen uns ein paar #sogeht’sauch-Ansätze dazu an. Im dritten und letzten Teil unserer Miniserie rund um’s An-, Aus- und Umziehen stelle ich euch heute ein paar Möglichkeiten vor, den Spieltrieb unserer Kinder (und am besten auch unseren eigenen ;)) und die Notwendigkeit des Umziehens in Synergie zu bringen.

Spiel mit mir!

Letzte Woche haben wir die Devise „Komfort geht vor“ ausgegeben und uns damit beschäftigt, dass es dabei nicht nur um die Bequemlichkeit der Kleidung selbst geht sondern auch um die Anziehsituation, die wir angenehm und lustvoll gestalten können, um uns und unseren Kindern das Leben zu erleichtern. Und zwar umso mehr, je mehr unsere Kinder Kleidung sowieso für entbehrlichen Zivilsationsfirlefanz halten.

Während wir uns letzte Woche eher mit Bequemlichkeit, Wärme, Kuscheln und Nähe beschäftigt haben, möchte ich eure Aufmerksamkeit heute auf einen Aspekt lenken, der in der Welt der Kinder mindestens ebenso wichtig ist: Das Spiel. „Das Spiel ist die Arbeit des Kindes„, sagt Maria Montessori – und wenn man es so betrachtet, sind unsere Kinder wesentlich dienstbeflissener als so mancher Erwachsene, denn sie nützen jede freie Minute, um ein bisschen Spielzeit unterzubringen und die Möglichkeit des Spielens steht in ständiger Konkurrenz mit allen langweiligeren Tätigkeiten – wie zum Beispiel dem Umziehen. Doch das muss nicht so sein, denn mit etwas Kreativität und der Bereitschaft, uns auf unsere Kinder einzulassen, können wir unser Anliegen wunderbar in Einklang mit dem Spieltrieb unserer Kinder bringen.

Wie so viele Stolpersteine, die uns im Leben mit Kindern begegnen, entstammt dieser Gegensatz zwischen dem als sinn-. und zweckfrei empfundenen Spiel auf der einen Seite und dem zielgerichteten, zeiteffizienten Ausführen „sinnvoller“ oder notwendiger Tätigkeiten andererseits der Pädagogik des vergangenen Jahrhunderts. Aus einer Zeit, in der es das erklärte Ziel der Erziehung war, den Willen des Kindes zu brechen und es dazu zu bringen, sich der Macht der Erwachsenen widerspruchslos unterzuordnen, Kinder zu strammen Soldaten und willfährigen Untertaninnen zu machen. Das freie Spiel, besonders zu Zeiten, in denen eigentlich gerade etwas anderes am Programm steht, wurde damals naturgemäß als nicht erwünschtes Verhalten abgestempelt, das es zu unterbinden gilt. Heute wissen wir so viel über die Notwendigkeit des Spielens für die kindliche Entwicklung (siehe das oben genannte Montessori-Zitat), aber auch darüber, wie das Spielen Kindern hilft, mit Stress oder herausfordernden Situationen umzugehen. Wäre es also nicht langsam an der Zeit, diesen Ballast abzuwerfen und stattdessen mit unvoreingenommenem Blick auf unsere Kinder zu schauen, die lieber spielen wollen als sich anzuziehen. Und freundlich zu fragen: Warum nicht beides?

Bevor wir nun zum genussvollen Teil dieses Artikels kommen, in dem ich euch mehrere Anziehspiele aus der Praxis vorstelle, mit denen auch meine Kinder und ich beim Anziehen jede Menge Spaß haben, noch ein Hinweis: Die besten Spiele entstehen aus dem Moment heraus! Meine Beispiele unten sollen also keine Anleitungen sein, die ihr euren Kindern präsentiert nach dem Motto „So machen wir’s jetzt, und das hat dir gefälligst Spaß zu machen“, sondern einfach Inspirationsquellen, die euch helfen sollen, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie ihr an die Sache herangehen könnt, um euer persönliches Anziehspiel mit eurem Kind oder euren Kindern zu finden. Wenn eure Kinder zur Anziehzeit gerade ins Spiel vertieft sind, reißt sie nicht heraus und stellt ihnen ein anderes Spiel vor. Bittet sie auch nicht, das Spiel zu einem Ende zu bringen, damit ihr dann etwas Neues probieren könnt. Setzt euch still zu ihnen und beobachtet das Spiel, stellt eventuell Fragen, um zu begreifen, was hier gerade passiert, lasst euch gegebenenfalls bereitwillig in das Spiel einbinden. Dann denkt laut darüber nach, wie man das Anziehen jetzt in das Spiel integrieren könnte und seid unbedingt offen für die möglicherweise sehr kreativen Vorschläge eures Kindes! Und dann erlebt staunend, wie die Magie sich entfaltet ;).

 

Spezialausrüstung anziehen

Der Klassiker, wenn eure Kinder gerade in ein Rollenspiel vertieft sind: Egal, ob sie gerade Feuerwehrleute, Vulkanforscherinnen, Ritter, Prinzen und Prinzessinnen, Hexen oder Zauberer, Einhörner oder Rettungshunde oder was auch immer für fantastische Gestalten sind: Sie alle brauchen ganz bestimmt eine ganz spezielle Spezialausrüstung, um für die Herausforderungen ihrer besonderen Mission gerüstet zu sein. Wir stellen uns also den Helden und Heldinnen im Kinderzimmer als untertänigste Dienerin oder als hilfreicher Geist zur Seite und geleiten sie zum magischen Schrank, dem wir Feuerschutzhosen, lavafeste Socken, Kettenhemden, magische Glitzerstrumpfhosen, Hufschoner und Warnwesten entnehmen und wahlweise beim Anlegen dieser Kostbarkeiten behilflich sind oder auch nicht. Selbstverständlich darf das Spiel dann auch auf dem Weg zum Kindergarten oder zur Schule weitergehen. Ihr werdet sehen, wie gerne die Kinder darauf einsteigen werden und wie viel Spaß es auch euch machen kann, wenn ihr euch darauf einlasst!

 

Die Anziehstraße

Eine beliebte Methode, mit der das aus Kindersicht vielleicht noch große und unübersichtliche Unterfangen des Anziehens in kleine Teilschritte zerlegt wird und nebenbei ein Raumwechsel passiert. Wenn zum Beispiel unser Kind im Pyjama im Kinderzimmer ist und wir wollen, dass es in absehbarer Zeit angezogen am Frühstückstisch sitzt, können wir ihm aus seiner Kleidung in sinnvoller Reihenfolge eine kleine Straße vom Bett zum Frühstückstisch legen. Wir ziehen also am Bett den Pyjama aus, legen dann in einigem Abstand erst die Unterhose, dann einen Socken, dann den anderen Socken, dann die Hose, das T-Shirt und ggf. Pullover oder Weste auf, sodass das Kind sich immer nur auf ein Kleidungsstück auf einmal konzentrieren muss und sich am Ziel angekommen gemütlich zum Frühstück setzen kann.

Diese Methode eignet sich besonders, wenn das Kind sich bereits selbstständig anziehen möchte, mit dem Auftrag „Zieh dich an!“ aber noch überfordert ist, weil es – so banal es uns erscheinen mag – schlicht nicht weiß, wo es anfangen soll. Weniger geeignet ist sie hingegen für kleine Nudist*innen (siehe letzte Woche).

 

Anziehhochschaubahn

Das ist ein Beispiel für ein sehr persönliches Anziehspiel, das ich mit meiner Tochter entwickelt habe, als sie etwa zwei Jahre alt war. Mein lieber Mann hat ein besonderes Faible für Hochschaubahnen und nach dem ersten Besuch ein einem Freizeitpark hatte er sie eindeutig damit angesteckt: Den ganzen Tag wurde Hochschaubahn gespielt – indem wir sie in Loopings durch die Luft wirbelten, indem mit Duplo und Holzbauklötzen Hochschaubahnen konstruiert wurden, oder einfach indem sie laut „Hochaaaabaaaaahn!“ rufend in waghalsigen Kurven durch die Wohnung flitzte. Das tat sie auch an jenem Morgen, an dem das Spiel entstand. Ich wollte sie anziehen, weil wir dringend mit dem Hund hinunter mussten, sie wollte davon nichts wissen, weil sie gerade eine Hochschaubahn war… Nachdem ich eingesehen hatte, dass ich gegen die Hochschaubahn nicht ankam, beschloss ich mitzuspielen und erkundigte mich besorgt, ob die Hochschaubahn auch wirklich sichere Gurte hätte. Wir stellten dann gemeinsam fest, dass der Pyjama-Gurt doch recht locker war und holten eine Mechanikerin, die den lockeren Pyjamagurt abschraubte und stattdessen einen festen Unterhosengurt anlegte, dann wurde die kleine Hochschaubahn auf Testfahrt geschickt, an deren Ende sie abermals abgepasst wurde. Der Unterhosengurt musste eindeutig noch verstärkt werden. Dann passte das mit den Gurten, aber die Hochschaubahn flitzte so schnell, dass für die Station eine Auffangvorrichtung in Form eines T-Shirts installiert wurde, das ich mit der Halsöffnung voraus in der richtigen Höhe bereithielt, und in das sie dann mit vollem Karacho hineinrennen konnte. Noch schnell ein paar Schrauben an den Fußgurten fixiert, den Hund ebenfalls mit einem Spezialgurt versorgt und wir konnten los.

 

Das tollpatschige Stofftier

Sehr viele Kinder lieben es, etwas besser zu können als jemand anderer und gehen in der Rolle der Erklärerin oder des Helfers richtig auf. Bei diesen Kindern ist das tollpatschige Stofftier ein sehr hilfreicher Zeitgenosse! Es hat nämlich keine, und ich meine wirklich überhaupt nicht die allergeringste Ahnung davon, wie Anziehen funktioniert. Es ist sehr wissbegierig, zieht aber gerne voreilige Schlüsse. Die einzige Voraussetzung für diese Methode ist, dass ihr gut in Verbindung mit eurem eigenen Spieltrieb seid, dann kann der Spaß schon beginnen:

Schnappt euch euer Lieblingsstofftier und lasst es aufgeregt zu eurem Kind hoppeln „Ooooh! Hallooooo! Wie ich sehe, bist du ja noch im Pyjaaaaaamaaaa! Das heißt, du wirst dich gleich anziehen? Jaaaaa! Ooooh, wie ich mich freue! Ich liiiiiebe Anziehen! … Aber… äh…. wenn ich ganz ehrlich bin, hab ich noch nicht ganz durchschaut, wie es wirklich funktioniert…. Hm… ich hab das hier in deinem Kleiderschrank gefunden! [Stofftier präsentiert stolz eine Unterhose] Und ich bin mir fast sicher, dass das ein wuuuuunderbarer Hut ist! [Stofftier setzt sich die Unterhose auf den Kopf und ist begeistert] Oooooh, der Hut hat sogar Löcher für die Ooooohren!“ Spätestens jetzt wird euer Kind entsetzt eingreifen und dem Stofftier kopfschüttelnd erklären, dass es sich um eine Unterhose handelt. Wie die aber wirklich funktioniert, begreift das dusselige Kuscheltier erst, wenn das Kind sie wirklich angezogen hat. Und so geht es von Kleidungsstück zu Kleidungsstück weiter.

Aber Achtung: Diese Methode kann zu erhöhten Blödellevels und in Folge zu Lachtränen und Stressabbau bei allen Beteiligten führen…

Anziehherausforderungen

Es ist eines jener Phänomene, die Eltern zur Weißglut treiben, obwohl sie aus Kinderperspektive durchaus Sinn ergeben: Kinder wollen etwas genau so lange immer selber machen, bis sie es endlich so richtig gut können. Dann ist für sie der Lernschritt beendet und die Attraktivität des Selbermachens nimmt wieder ab. Wenn wir das ganze unter dem Aspekt des Aneignens neuer Fertigkeiten betrachten, eigentlich völlig logisch: Wenn ich etwas einmal wirklich kann, muss ich es nicht mehr üben und kann meine Ressourcen nützen, um die nächste Fertigkeit zu erlernen. Für uns Eltern frustrierend: Da haben wir unser Kind geduldig bei seinem Lernprozess begleitet, ihm Zeit, Freiräume, Unterstützung und Trost gegeben und nun können wir uns endlich zurücklehnen und die Früchte dieses mühevollen Prozesses ernten – da interessiert sich unser Kind plötzlich nicht mehr dafür, seine neu erworbene Fertigkeit auch zu nützen…

Da hilft es, gemeinsam neue Herausforderungen zu schaffen: Ja, klar kannst du dich schon selbst anziehen, so gut, dass es schon fast langweilig ist… Aber kannst du dich auch auf einem Sessel stehend anziehend? Und im Liegen, ohne aufzustehen? Mit einem Bleistift zwischen den Zähnen?… Die Liste der möglichen Herausforderungen ist endlos und alles ist erlaubt, was Spaß macht. Als Variante könnt ihr euch ja gerne auch einmal selbst so einer Anziehherausforderung stellen… Abraten würde ich hingegen von kompetitiven Ansätzen à la „Wer kann sich am schnellsten anziehen?“ – das bringt unterm Strich mehr Frust als Spaß…

 

Anziehlied

Vielen Kindern bereiten Lieder, die beim Strukturieren des Alltags helfen, große Freude. Dabei ist es nicht wichtig, ob ihr gut singen könnt, oder das Lied rhythmisch einwandfrei ist, sondern es geht einzig und allein darum, dass es ein positiv besetztes Signal dafür ist, was gerade oder als nächstes passiert. Dabei ist es euch überlassen, ob ihr das „Anziehzeit“-Lied quasi als Jingle singt, um euer Kind aufs Anziehen einzustimmen oder ob es den Anziehprozess begleitet; ob ihr bei einem bereits existierenden Lied Anleihe nehmt oder euch ein ganz eigenes ausdenkt.

Unser persönliches Anziehzeit-Lied ist irgendwann aus dem Moment heraus entstanden und hängen geblieben. Es begleitet durch den Anziehprozess und benennt die Kleidungsstücke einzeln. Es ist für Menschen mit musikalischem Gehör bestimmt eine kleine Katastrophe, weshalb ich es euch jetzt auch nicht vorsingen werde, aber es macht uns Spaß und das ist das einzige, was zählt.

 

Lese-Anzieh-Kombizeit

oder „Eine Seite, eine Seite“, wie es meine kleine Tochter nennt. Diese Methode ist der Ausweg aus Reihenfolgen-Streitigkeiten. Die Prämisse: Es ist noch genug Zeit, sich anzuziehen und ein Buch zu lesen. Die Elternperspektive: Erst das Notwendige, dann das Angenehme – also erst anziehen dann lesen. Wenn das Anziehen zu lange dauert, geht sich eben leider das Lesen nicht aus. Die Kinderperspektive: Wieso soll ich meinen Wunsch aufschieben? Ich will zuerst mein Buch lesen und dann bin ich vielleicht auch bereit mich anzuziehen. Das Resultat: Ein Streit, an dessen Ende garantiert keine Zeit mehr zum Lesen ist und alle Beteiligten frustriert sind. Die Win-win-Lösung: Wir angeln uns das Buch und das Gewand und tun beides gleichzeitig bzw. abwechselnd. Bei Bilderbüchern, die relativ wenig Text pro Seite haben, geht es sich mit dem „Eine Seite, ein Kleidungsstück“-Rhythmus ganz gut aus: Wir lesen eine Doppelseite und mit dem Umblättern ziehen wir jeweils ein Kleidungsstück an (bzw. aus). Am Ende des Buches ist auch das Kind angezogen, wir haben also beide unser Ziel umgesetzt, und zwar ohne unseren Willen durchsetzen zu müssen.

 

Jetzt bin ich aber gespannt auf eure Anziehspiele und -rituale! Erzählt doch mal! Und wenn euch diese Anziehspiele inspiriert haben, berichtet doch, wie es euch ergangen ist!

Ich freue mich auf eure Geschichten und gerne auch eure Fragen und Anregungen in den Kommentaren!
Und schaut doch nächste Woche wieder vorbei, dann geht es, wie versprochen, ums Zähneputzen!

***Herzlichen Dank für die Illustration an Orsolya Fodor (@tamatea16 auf Instagram)***

Nie mehr Machtkampf

Mehr über den Weg raus aus „beliebten“ Elternfallen und ebenso liebevolle wie lösungsorientierte Kommunikation in der Familie gibt’s in meinem Workshop „Nie mehr Machtkampf. Dein Weg raus aus der Elternfalle“!

Für Gruppen ab 4 Personen könnt ihr ihn als Wohnzimmer-Workshop (im Sommer auch gerne als Frischluft-Workshop) buchen!