Es ist eine Phase, Hase!

Ein Lob auf den stetigen Wandel

Audio Blog

Für alle, die lieber hören als selber lesen

#Elternmantras nenne ich kleine Sätze, Zeilen oder Wörter, die ich mir im Elternalltag immer wieder selbst vorsage, und die mir dabei helfen, mit gewissen Situationen oder Emotionen besser zurecht zu kommen. In dieser Serie möchte ich einige davon mit euch teilen – auf dass sie auch euer Elternleben entlasten und bereichern können.

Heute lernt ihr jenes Elternmantra kennen, das mich wahrscheinlich schon am längsten begleitet. Nämlich seit der Schwangerschaft mit meiner großen Tochter: Es ist eine Phase, Hase. Zugegeben, der Hase hat hier nicht viel zu tun. Er sitzt da – wie Christian Morgenstern sagte – nur um des Reimes willen. Aber Hase hin oder her, jetzt will ich euch erzählen, wie mich dieser Satz nun schon seit vielen Jahren begleitet und warum ich ihn wohl auch noch ein Weilchen in Ehren halten werde…

Es war irgendwann im letzten Schwangerschaftsdrittel, der Bauch war schon groß und rund und alles recht beschwerlich. Ich fluchte mal wieder, weil ich schon außer Atem war, bevor ich mit dem Hund überhaupt das Haus verlassen hatte – Schuhe anziehen, Jacke anziehen, Hund anschirren, Leine einhaken, noch einmal bücken, weil der Schlüsselbund runtergefallen ist, weil ich unter dem Bauch die Tasche nicht sah, in den ich ihn eigentlich werfen wollte… Das ist ja für sich genommen schon ein Workout! Ich persönlich hätte den nachfolgenden Spaziergang gar nicht mehr gebraucht. Der Hund sah das anders. Wer schon mal schwanger war oder vielleicht gerade ist, kennt das… Ich fluchte jedenfalls und tat mir recht leid. Dann seufzte ich und sagte zu mir selbst „Es ist eine Phase, Hase! Bald ist alles anders – anders herausfordernd, aber anders.“ Es half mir in diesem Moment einfach, das, was mich nervte, nicht so schwer zu nehmen, indem ich mir bewusst machte, dass dieser Zustand nicht ewig andauern würde. Dass alle Schwangerschaftsbeschwerden in ein paar Wochen von Babythemen abgelöst werden würden – nein, es würde nicht unbedingt einfacher werden, aber anders.

Erwachsenenzeitrechnung und Kinderzeitrechnung

Na klar, dass nichts auf der Welt ewig andauert, wisen wir eh alle. Trotzdem tun wir gut daran, uns hin und wieder daran zu erinnern. Und nichts anderes tut dieses Elternmantra.

Und doch ist es noch ein bisschen mehr: Die Uhr tickt schneller, je jünger wir sind und langsamer, je älter wir werden. Wenn wir nun, wie es heute durchaus üblich ist, nicht Eltern werden, sobald wir selbst einigermaßen den Kinderschuhen entwachsen sind, sondern dazwischen reichlich Zeit haben, uns an die Erwachsenenzeitrechnung zu gewöhnen, dann denken wir auch als Eltern gerne erst mal in Erwachsenenzeiträumen. Wir sind es schlicht nicht mehr gewohnt, dass ein Zustand, der sich einmal etabliert hat, nach einigen Wochen oder Monaten wieder passé ist. Dass sich so viel in so kurzer Zeit verändern und entwickeln kann. Etwas in uns hat bei allen Veränderungen das Gefühl „Das bleibt jetzt so“. Und wenn „das“ unangenehm oder mühsam ist wie ein beschwerlicher Schwangerschaftsbauch, ein klammerndes Kleinkind, ein zahnendes Baby, eine unglaublich nervige Phrase, die das Kindlein aus dem Kindergarten heimgebracht hat und nun bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten von sich gibt,… dann tun wir manchmal einfach gut daran, uns daran zu erinnern, dass „das“ jetzt eben nicht so bleibt, sondern uns für ein Weilchen beschäftigen wird, bis es durch andere Herausforderungen – ein anderes „das“ abgelöst wird. Wenigstens für Abwechslung ist also gesorgt.

 

The good, the bad and the ugly

Noch einen anderen Aspekt hat dieser Satz für mich: Oft sind wir von gewissen Zuständen oder Verhaltensweisen so genervt, dass wir, wenn wir nicht aufpassen, nur das Negative daran sehen und ganz vergessen, die schönen Seiten wahrzunehmen und zu genießen. Auch dabei hilft mir das Bewusstmachen des stetigen Wandels.

Ein wunderbares Beispiel dafür ist das Einschlafen in unseren Armen. Viele Kinder wollen überhaupt nicht anders einschlafen als in den Armen ihrer Eltern – klar, es ist der schönste, sicherste und geborgenste Platz auf Erden, wo sonst sollte einem die Reise ins Träumeland leichter fallen? Und eigentlich ist es doch auch für uns Eltern ein wunderschönes Gefühl, wenn unser Kind sich in unseren Armen entspannt und wir spüren, wie sein kleiner Körper immer weicher und schwerer wird, genau wie seine Augenlider. Wir sind nur im Alltag manchmal so gestresst von dem, was wir noch erledigen wollen oder müssen, wenn das Kleine endlich schläft, von unseren Ansprüchen an uns selbst, von unseren Vorstellungen, wie es sein sollte – dass wir gar nicht mehr dazu kommen, diesen magischen Moment zu genießen und ganz in ihm aufzugehen. Und wir fragen uns: „Wo soll das nur hinführen, wenn er*sie bis in alle Ewigkeit immer nur mit mir einschlafen will???“

Wie hätte mein Großvater gesagt? „Bis zur Matura ist es vorbei.“ Kein Kind will bis in alle Ewigkeit von seinen Eltern in den Schlaf begleitet werden. Und je älter sie werden, desto flexibler werden sie auch, wenn es mal nicht geht. Und doch: So lange sie es gerne mögen, gebe ich ihnen gerne diese extra Dosis Geborgenheit am Abend und genieße das Gefühl in vollen Zügen und im Bewusstsein, dass die Anzahl der Abende, an denen ich jemanden in den Schlaf begleite, eine begrenzte ist – und dass auf meine Gesamtlebenszeit betrachtet die Anzahl jener Abende, in denen ich niemanden in den Schlaf begleite, immer noch bei weitem überwiegen wird.

Ich kann mich übrigens auch in Gedanken schon mal in eine beliebige Phase in der Zukunft beamen und von dort aus mit wohlwollendem, vielleicht ein bisschen nostalgisch-verklärtem Blick auf die aktuelle Phase zurückschauen, um diese Perspektive besser einnehmen zu können.

 

Kurze Phasen, lange Phasen

Mir hilft dieses In-Relation-Setzen ungemein dabei, meine Gelassenheit wieder zu finden, wenn sie mir mal abhanden zu kommen droht oder ich sie kurzfristig irgendwo unterwegs verloren habe. Und zwar bemerkenswerter Weise unabhängig davon, ob es sich nun um kurze oder lange Phasen handelt. Das gilt für Phasen, die nur wenige Stunden dauern (z.B. die Phasen der Geburt, eine Fiebernacht,…) über Phasen im Bereich von Wochen oder Monaten (z.B. Schwangerschaft, Entwicklungsschübe, Marotten,…) bis hin zu solchen, die sich über mehrere Jahre ziehen.

Ich hatte einmal ein spannendes Gespräch mit einer lieben Bekannten, deren jüngstes Kind gerade das Nest verlassen hat, als mein jüngstes Kind ein Baby war und ihre große Schwester noch ein Kleinkind . Sie meinte „Weißt du, während man drinsteckt [in der Phase, in der die Kinder noch nicht erwachsen sind, nämlich], glaubt man, es dauert ewig. Aber wenn’s dann vorbei ist, merkst du, wie kurz es doch eigentlich war.“ Wenn wir Kinder haben, dann nimmt uns diese Aufgabe manchmal so sehr in Anspruch, dass wir ganz vergessen, dass es vorher und nachher auch noch ein großes Stück Leben gibt, das nicht von dieser Aufgabe dominiert wird. Und wenn wir uns daran erinnern, macht es das auch leichter, uns hier und jetzt für diese paar Jahre voll und ganz dieser wichtigsten Aufgabe der Welt zu verschreiben.

 

Kleine Anmerkung zum Schluss

Das alles heiß NICHT, dass ihr hiermit verpflichtet seid, jede Sekunde eurer „Elternzeit“ auf eure Kinder fokussiert zu sein, weil ihr sonst einen kostbaren, unwiederbringlichen Augenblick verpassen könntet. Es ist auch KEIN Verbot, euch auch in der Kindheit eurer Kinder genug Zeit für euch selbst zu nehmen. Und es soll euch KEIN schlechtes Gewissen machen, wenn ihr ein Verhalten eures Kindes mal einfach nur nervig findet und ihm keine Zuckerseite abgewinnen könnt. Das wäre das letzte, was ich euch mitgeben will!

Was ich mir wünsche, ist, dass ihr euch einfach eine hilfreiche Strategie mitnehmt, als Eltern gelassen und mit gutem Gewissen im Hier und Jetzt zu sein und das, was gerade ist, mit all seinen hellen, dunklen und dämmrigen Seiten bewusst zu erleben, weil es nicht ewig dauert.

 

 Wenn ihr Lust habt, probiert es doch einfach auch mal aus – wenn ihr das nächste mal tierisch genervt seid von etwas, das scheinbar NIE aufhören wird, das euch zum gefühlt tausendsten Mal auf die Palme bringt, sagt euch leise: „Es ist eine Phase, Hase“ – und schon kann der Teil in euch aufatmen, der gerade noch ängstlich die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen hat, weil er gedacht hat, das bleibt jetzt so…

 

Wie ist das bei euch? Was hilft euch dabei, im Hier und Jetzt zu bleiben und ein Gefühl die kurzen und langen Phasen der Kindheit zu bekommen?

Ich freue mich auf eure Geschichten in den Kommentaren! Und schaut nächste Woche wieder vorbei zum nächsten #Elternmantra!