Toddlers are just like tiny drunk people

Warum Kleinkinder wie winzige Betrunkene sind, und wie hilfreich diese Erkenntnis sein kann

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Für alle, die lieber hören als selber lesen

#Elternmantras nenne ich kleine Sätze, Zeilen oder Wörter, die ich mir im Elternalltag immer wieder selbst vorsage, und die mir dabei helfen, mit gewissen Situationen oder Emotionen besser zurecht zu kommen. In dieser Serie möchte ich einige davon mit euch teilen – auf dass sie auch euer Elternleben entlasten und bereichern können.

Den Anfang macht heute mein wahrscheinlich lustigstes Elternmantra: Toddlers are just like tiny drunk people, also Kleinkinder sind wie winzige Betrunkene :). Ein Satz, der nicht nur für witziges Kopfkino sorgen sondern auch deine Beziehung zu deinem Kleinkind radikal verbessern kann…

Ich geb’s zu: Hin und wieder treibe ich mich auf Zeitverschwender-Meme-Pages im Internet herum… und hin und wieder stoße ich dort zwischen mehr oder weniger halblustigen Beiträgen auf pures Gold. So kam ich auch zu diesem Elternmantra: Eine Fotocollage mit eben diesem Titel, darunter Fotos oder kurze Clips (so genau weiß ich das nicht mehr) von Betrunkenen und Kleinkindern in ähnlichen Positionen/ Situationen: Mit der Flasche in der Hand eingeschlafen, auf dem Tisch liegend eingeschlafen, mit nasser Hose, torkelnd, lallend,… Also, schon eher Kategorie halblustig… Aber darunter ein Post eines User, das in etwa lautete „Ich bin Vater eines zweijährigen Kindes und ihr werdet es kaum glauben, aber dieser Post hat mein Leben verändert! Seit ich ihn gesehen habe, sehe ich das Verhalten meines Kindes in einem ganz neuen Licht und kann viel besser damit umgehen.“ Das ist das, was mich wirklich berührt hat an der ganzen Geschichte, und eine ganze Reihe an Gedanken ausgelöst hat, die ich hier mit euch teilen möchte.

Was haben Betrunkene und Kleinkinder gemeinsam?

Wenn wir uns an die Eskapaden unserer wilden Jugend zurück erinnern (bei manchen ist das schon länger her, bei anderen sind die Erinnerungen vielleicht noch frischer) und dann an unsere Kleinkinder denken, fallen uns gleich ein paar Parallelen auf: Weder Betrunkene noch Kleinkinder sind feinmotorisch nicht besonders gut drauf. Beide tun sich vielleicht mit dem Gehen etwas schwer und sprechen undeutlich, ja mitunter kaum verständlich. Beide bestehen darauf, kein bisschen müde zu sein – um im nächsten Moment in den unmöglichsten Situationen und Positionen einzuschlafen. Beide neigen zu großen emotionalen Ausbrüchen in alle Richtungen: Sie zerkugeln sich über die absurdesten Dinge, bis sie vor Lachen Schluckauf bekommen und brechen aus nichtigen Anlässen in Tränen aus. Manchmal brauchen sie plötzlich sehr viel Körperkontakt und ja, manchmal werden sie auch aggressiv. Und bei beiden ist der präfrontale Kortex, also das „Vernunftzentrum“ im Gehirn, nicht besonders aktiv und die Impulskontrolle nicht sehr stark. Das ist bei beiden der Grund dafür, dass sie ohne nachzudenken aus ihren Impulsen und Emotionen heraus handeln, und das oft mit überschießender Intensität.

Wie gehen wir mit unseren betrunkenen Freund*innen um?

Ganz ehrlich, wir waren doch alle mal jung und neugierig und haben mit unseren Freund*innen mehr oder weniger heimlich die Wirkungen des Alkohols erforscht und ausgetestet. Und wenn eine*r die eigenen Grenzen noch nicht so genau kannte und zu viel erwischt hat, dann haben wir es eigentlich immer ganz gut geschafft, sie*ihn halbwegs gut durch diese Rauscherfahrung zu begleiten, oder? Das sind die Erfahrungen, die uns jetzt als Eltern unvermutet nützlich sein können! (Falls das jemand mit aktuell pubertierenden Kindern liest: Könnt ihr ihnen bitte ausrichten, dass solche Erfahrungen ein prima Elterntraining sind und mir nachher schreiben, wie sie darauf reagiert haben? ;))

Spaß beiseite: Wenn meine betrunkene Freundin in ihrer Tollpatschigkeit ein Glas vom Tisch fegt, komme ich nicht auf die Idee, ihr einen Vortrag darüber zu halten, dass sie besser aufpassen muss oder irgendwelche an den Haaren herbeigezogenen Konsequenzen zu setzen, damit sie erkennt, dass das kein erwünschtes Verhalten ist. Ich schaue, dass sie sich an den Scherben nicht verletzt und mache sauber. Wenn mein besoffener Freund unverständlich lallt, ermahne ich ihn nicht zum deutlicheren Sprechen, denn ich weiß, es geht gerade nicht anders. Ich bemühe mich, ihn zu verstehen und stelle eindeutig beantwortbare Fragen, um herauszufinden, was er mir sagen möchte. Wenn meine angeheiterte Freundin sich nicht mehr einkriegt vor Lachen über etwas, das nur in ihrem Kopf lustig ist, lache ich wahrscheinlich mit und wenn sie im nächsten Moment todtraurig ist, nehme ich sie in den Arm und tröste sie, auch wenn ich noch immer nicht verstehe, was da gerade abgeht. Ich stelle nicht in Frage, ob ihre Emotionen oder deren Intensität berechtigt sind oder nicht – ich nehme an, was da ist. Und wenn einer aggressive Tendenzen zeigt, versuche ich zu deeskalieren, nicht zu moralisieren… Und noch etwas: Führt ihr mit betrunkenen Freund*innen Grundsatzdiskussionen über ihr Verhalten? Oder verschiebt ihr das auf einen Zeitpunkt, zu dem sie wieder nüchtern sind?

 

Was unterscheidet Kleinkinder von Betrunkenen?

Nun ja, da gibt es schon ein paar offensichtiliche Unterschiede, zum Beispiel sind sie viel kleiner… Außerdem sind Kleinkinder immer Kleinkinder, Betrunkene aber (hoffentlich) nicht immer betrunken… Aber was ist der Unterschied, der dafür verantwortlich ist, dass wir mit unseren betrunkenen Freund*innen mitunter wesentlich nachsichtiger, geduldiger und feinfühliger umgehen, als wir es es mit unseren Kleinkindern tun? Ich denke, das Stichwort heißt in diesem Zusammenhang „Erziehungsauftrag“. Gegenüber meiner beschwipsten Freundin habe ich keinen Erziehungsauftrag – ich habe nicht den Anspruch ihr beizubringen, wie der Hase läuft, sie auf das „spätere Leben“ vorzubereiten. Daher fühle ich mich auch nicht bemüßigt, ihr Verhalten zu sanktionieren. Ich beschränke mich darauf, für sie da zu sein.

In Zusammenhang mit unseren Kleinkindern hören wir jedoch ständig – entweder von außen oder von unserer inneren Stimme – so hilfreiche Sätze wie „Das kannst du ihm jetzt aber nicht durchgehen lassen!„, „Sie muss lernen, dass ihr Handeln Konsequenzen hat!„, „So funktioniert’s im richtigen Leben ja auch nicht!„, „Lass dich doch von den Krokodilstränen nicht manipulieren!„, „Er testet nur deine Grenzen aus. Da musst du jetzt hart bleiben!„, „Sie muss auch mal lernen, sich ein bissl zusammenzureißen!„,… Leider könnte ich diese Liste ewig fortsetzen, aber ich höre hier einmal auf…

 

Wie gehen wir mit unseren Kindern um?

Und genau diese Perspektive auf das Verhalten unserer Kleinkinder führt dann dazu, dass Eltern glauben, sie dürfen ihr Kind in seinem Emotionsausbruch nicht liebevoll begleiten, sondern müssen ihm die kalte Schulter zeigen und sich unbeeindruckt geben. Oder dazu dass wir versuchen, unseren gerade in Tränen aufgelösten Kindern die moralischen Implikationen ihres Handelns zu erläutern. Oder dazu dass wir an völlig willkürlichen Regeln oder Prinzipien festhalten, obwohl sie für niemanden einen Sinn ergeben, nur um des Grenzen Ziehens willen. Oder einfach dazu, dass wir mit unseren Kindern total ungeduldig werden, weil wir vergessen, dass sie das, was uns selbstverständlich erscheint, eben -noch- nicht besser oder schneller können… Und das, obwohl wir zu unseren Kindern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein wesentlich innigeres Verhältnis haben als zu unseren betrunkenen Freund*innen und uns ihr Wohlergehen mehr am Herzen liegt als alles andere…

Versetzen wir uns zur Abwechslung mal selbst in die Rolle der Betrunkenen: Wie würden wir uns in dieser Situation fühlen, wenn unsere Freund*innen, von denen wir uns erhoffen, dass sie uns möglichst umsichtig und liebevoll durch die – möglicherweise schon für sich genommen ausreichend unangenehme und beängstigende – Rauscherfahrung begleiten, mit uns stattdessen so umgehen würden, wie es in unserer Gesellschaft gang und gäbe ist mit Kleinkindern umzugehen? Wir würden uns mit hoher Wahrscheinlichkeit ziemlich mies fühlen – unter Druck gesetzt, nicht wahrgenommen, missverstanden,… . Und da unsere Impulskontrolle herabgesetzt wäre, würden wir unseren Freund*innen wahrscheinlich ziemlich deutlich zeigen, was wir von diesem Verhalten halten…

 

Sollten wir Kleinkinder mehr wie Betrunkene behandeln?

Ja! Denn die zwei zentralen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden sind: Erstens, sie tun, was und wie sie tun, nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie gerade nicht anders können. Zweitens, es ist absolut sinnlos an ihre Vernunft zu appellieren, denn der entsprechende Teil ihres Gehirns ist ausgeschaltet bzw. noch nicht ausreichend entwickelt – und bei einem Kleinkind, das sich gerade inmitten eines emotionalen Ausbruchs (vulgo „Trotzanfall“) befindet, ist jener Teil des Vernunftzentrums, der bereits entwickelt ist, auch gerade nicht erreichbar. Und das macht einen großen Teil der oben genannten Aussprüche unserer inneren oder äußeren Stimmen eigentlich hinfällig.

Ein Kleinkind, das gerade vor lauter Emotionen nicht weiß, wohin mit sich, ist nicht empfänglich für Erziehungsmaßnahmen. Ein Kleinkind, das aus Ungeschick oder aus impulsivem Verhalten heraus etwas falsch gemacht hat, verdient es nicht, dass sein Verhalten bestraft oder negativ kommentiert wird. Stattdessen verdienen unsere Kinder dieselbe liebevolle und geduldige Begleitung wie unsere angetrunkenen Freund*innen. Und wenn wir mit ihnen über ihr Verhalten sprechen wollen, dann tun wir das nicht, wenn sie gerade im „full drunk mode“ sind, sondern wir passen dafür einen Zeitpunkt ab, zu dem sie etwas „nüchterner“ sind und wir ihr kleines, aber beständig wachsendes Vernunftzentrum gut erreichen können.

Wenn ihr Lust habt, probiert es doch einfach auch mal aus – bei mir zeigt es wirklich erstaunliche Wirkung: Wenn es mir alte Muster „reinhaut“ oder ich ungeduldig werde, muss ich nur leise „tiny drunk people“ murmeln – und schon bin ich in einem ganz anderen Mindset…

 

Wie ist das bei euch? Habt ihr diesen Vergleich schon einmal gehört? In welchen Situationen kommen euch eure Kinder wie kleine Betrunkene vor? Und hilft euch diese Perspektive, geduldiger und verstädninisvoller mit ihnen zu sein? Ich freue mich, eure Geschichten in den Kommentaren zu lesen!

Und schaut nächste Woche wieder vorbei zum nächsten #Elternmantra! (Yes, that’s a thing now ;))

 

Mehr zur Autonomiephase

Wollt ihr mehr über die Autonomiephase erfahren? Darüber, warum unsere schnuckeligen Säuglinge sich mehr oder weniger plötzlich in tiny drunk people verwandeln? Uns wie ihr sie liebevoll durch diese stürmische Zeit begleiten könnt, ohne selbst dabei den Kopf zu verlieren?

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