Zahnputzzeit ohne Streit!

Teil 1: Warum ist Zähneputzen sooo mühsam?

„So geht’s auch!“, denke ich mir manchmal, wenn eine Situation auf unvorhergesehene oder unkonventionelle Weise gemeistert oder aufgelöst wird. Dieses „thinking outside the box“, dieses Über-Bord-Werfen von eingefahrenen Mustern und überholten Vorstellungen, dieser Mut zum Andersmachen – das gehört für mich zu den nützlichsten Fertigkeiten im Elternalltag.

Im Grunde braucht es nur drei Zutaten, die uns den Ausstieg aus Machtkämpfen und festgefahrenen Situationen erleichtern:
1. Wir müssen bereit sein, unsere Vorstellungen davon, wie es sein sollte, zu hinterfragen und loszulassen.
2. Wir dürfen unserer Kreativität und der unserer Kinder beim Finden von neuen Lösungen freien Lauf lassen.
3. Wir brauchen mitunter etwas Übung, um in diese neue Art zu denken hineinzufinden.
Letzteres wird einfacher, wenn wir anderen dabei ein bisschen über die Schulter schauen können und uns so inspirieren lassen. Und genau dazu dient diese Serie. Wir nehmen exemplarische Situationen unter die Lupe, die in vielen Familien konfliktbehaftet sind, und schauen uns ein paar #sogeht’sauch-Ansätze dazu an. Heute geht es um ein Thema, das in den meisten Familien zumindest phasenweise gehörig für Stress sorgt: Das Zähneputzen. Im heutigen ersten Teil beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Faktoren dazu beitragen, dass die Zahnhygiene so ein „beliebter“ Schauplatz für Machtkämpfe und Konflikte ist – nächste Woche schauen wir uns dann dazu passende Lösungsansätze und Strategien an, um die Zahnputzzeit für alle Beteiligten entspannter zu gestalten.

Was ist das Problem?

Es gibt kaum eine Situation, bei der sich so viele Eltern darüber einig sind, dass sie problematisch und schwierig ist, wie das Zähneputzen. In Workshops und Beratungen kommt das Thema so oft vor, dass ich irgendwann begonnen habe zu sagen „Irgendwann schreib‘ ich mal ein Buch, in dem es nur ums Zähneputzen geht.“ Naja, ich fange mal klein an mit dieser Blog-Miniserie…

Zu Beginn möchte ich euch zu einer kleinen Imaginationsaufgabe einladen: Stellt euch vor, euer Partner, eure Partnerin besteht plötzlich darauf, euch jeden Morgen noch vor dem ersten Kaffee und jeden Abend, wenn ihr eigentlich schon fertig mit dem Tag und auf dem Weg ins Bett seid, mit einem chinesischen Essstäbchen in der Nase herumzubohren. Er*sie erklärt euch nicht, was es mit diesem seltsamen Ritual auf sich hat, warum er*sie das macht. Aber wenn ihr euch wehrt oder weigert, lässt er*sie das einfach nicht gelten, besteht darauf, dass das sein muss und zu eurem Besten ist. Hält euch womöglich sogar fest, um das Ritual gegen euren Willen durchführen zu können. Wie fühlt sich diese Vorstellung an? Vielleicht in etwa so, wie für unsere Kinder das Zähneputzen… schauen wir uns die Geschichte noch einmal im Detail an!

Die Sinnfrage

So schleierhaft, wie euch in meinem Beispiel die Sinnhaftigkeit des seltsamen Nasebohrrituals ist, so schleierhaft ist unseren Kindern auch die Sinnhaftigkeit bzw. Notwendigkeit des täglichen Zähneputzens. Das Vertrackte daran ist nämlich, dass es keine unmittelbaren Auswirkungen hat, ob wir es tun oder nicht. Kinder sind aber erstaunlich lange schlicht und ergreifend nicht im Stande, längerfristige Auswirkungen zu begreifen. Sie leben im Hier und Jetzt und denken maximal in unmittelbaren Konsequenzen ihres Tuns.

Vielleicht hattet ihr schon einmal das zweifelhafte Vergnügen, mit Teenagern über die längerfristigen Folgen ihres aktuellen Tuns zu diskutieren – darüber, wie sich ihre Schulleistungen auf ihr späteres Berufsleben auswirken werden oder darüber, dass sie mit 60 Lungenkrebs bekommen werden, wenn sie so weiter rauchen… oder vielleicht habt ihr das Glück, euch noch an die eine oder andere Situation aus eurer eigenen Kindheit oder Teenagerzeit zu erinnern und euch so das Gefühl wieder vergegenwärtigen zu können, wie unglaublich egal es euch war, was die Alten da von sich gegeben haben, weil ihr einfach noch keinen Bezug zu eurem 60jährigen Ich oder zu eurer zukünftigen beruflichen Karriere hattet. Ihr wart noch so sehr im Hier und Jetzt verankert, dass euer Horizont einfach noch nicht so weit gereicht hat. Das heißt nicht, dass ihr das alles kognitiv nicht begreifen konntet, aber es haben noch entscheidende Schritte in der Gehirnentwicklung gefehlt, die ihr gebraucht hättet, um das alles auch wirklich auf euch selbst beziehen und in seiner ganzen Tragweite begreifen zu können.

Und dann stellen wir uns vor, dass es unsere Zwei-, Drei-, Fünf-, Achtjährigen beeindruckt, wenn wir ihnen sagen: „Wenn du nicht brav die Zähne putzt, bekommst du Karies und hast später ganz viele Plomben!“ Da passt doch etwas nicht zusammen…

 

Der Druck

Wir als Erwachsene haben natürlich bereits den Weitblick zu wissen, wie wichtig regelmäßige Zahnhygiene für eine gute Zahngesundheit ist, und dass wir in der Kindheit den Grundstein für das ganze Leben legen. Das baut in uns natürlich einen unglaublichen Druck auf: Zähneputzen muss einfach sein! Und wenn dieser innere Druck, den wir verspüren, auf die Verständnislosigkeit unserer Kinder trifft, ist die Explosion vorprogrammiert. Nicht umsonst gibt es in meinem Elternleben wirklich keine andere Situation, in der ich mein Elternmantra „Druck erzeugt Gegendruck“ so oft wie anwende wie beim Zähneputzen.

Kehren wir für einen Moment zum Nasenbohrszenario aus der Einleitung zurück: Was wäre eure instinktive Reaktion, wenn euer Partner* eure Partnerin darauf bestehen würde, dieses unangenehme und aus eurer Sicht von maximal mäßiger Sinnhaftigkeit geprägte Ritual an euch durchzuführen – und ihr spürt schon den Druck dahinter, in seiner*ihrer ganzen Ausstrahlung, Körperspannung, in der Art zu sprechen, euch zu berühren,… Also, bei mir würde das nicht dazu führen, dass ich mich ganz im Vertrauen diesen Handlungen hingebe, sondern im Gegenteil dazu, dass mir die Sache noch unheimlicher wird und ich erst recht versuchen werde, mich dieser unangenehmen Situation zu entziehen. So wie unsere Kinder beim Zähneputzen umso „zickiger“ werden, je mehr sie unseren inneren Druck spüren.

 

Der Kooperationstank

Wir Eltern haben sehr oft den Anspruch an unsere Kinder, sie mögen doch in gewissen (oder doch in eigentlich verdammt vielen?) Situationen bitte etwas „kooperativer“ sein. Damit meinen wir eigentlich weniger die Ko-Operation im Sinne des gemeinsamen Erreichens eines gemeinsamen Ziels sondern eher unser Verlangen, dass sie bitte ohne Widerstand und Widerspruch unseren Weg mitgehen mögen. Kinder sind von Natur aus sehr kooperationsbereit – und zwar sowohl im einen als auch im anderen Sinne. Ihre Kooperationsbereitschaft im eigentlichen Sinn, also wenn sie ein gemeinsames Ziel vor Augen haben, mit dem sie sich gut identifizieren können, ist beinahe unbegrenzt. Im anderen Sinn unterliegt sie gewissen Grenzen – und das ist auch gut so, denn wir wollen doch eigentlich nicht, dass unsere Kinder sich unhinterfragt zum Spielball der Mächtigen machen lassen und dabei die eigenen Grenzen außer Acht lassen, oder? Auch wenn das in manchen Situationen – so ganz akut – vielleicht für uns als „die Mächtigen“ nicht unangenehm wäre.

Mein Bild dazu ist der Kooperationstank: Unsere Kinder sind generell wohlwollende und soziale Wesen, die ein hohes Interesse an einem harmonischen Zusammenleben haben. Sie sind daher auch gerne bereit, uns zuliebe Dinge zu tun, deren Sinnhaftigkeit sie akut nicht einsehen oder auf die sie gerade keine große Lust haben – aber eben nur innerhalb gewisser Grenzen: Der Kooperationstank ist umso kleiner, je kleiner das dazugehörige Kind ist, und wächst mit der Zeit mit. Jede Form von Stress (sowohl akut als auch chronisch) senkt den Füllstand des Kooperationstanks, dazu gehören auch Müdigkeit, Überreizung, Überforderung,… und natürlich sinkt der Pegel mit jedem Akt der Kooperation ein bisschen ab. Versucht einmal über einen Tag oder auch ein paar Tage einfach zu beobachten, wie viele kleine und größere Situationen es gibt, in denen euer Kind kooperiert – oft so sang- und klanglos, dass es uns gar nicht auffällt, wenn wir nicht bewusst darauf achten. Wie oft bittet ihr um etwas und es passiert einfach? Wie oft sagt ihr „Nein“ und es wird einfach akzeptiert? All das sind Akte der Kooperation.

Zum Glück funktioniert der Kooperationstank aber wie jeder andere Tank auch: Es kann nicht nur etwas entnommen werden, sondern er kann auch nachgefüllt werden! Jedes Mal, wenn wir die Rollen umdrehen und mit unserem Kind so kooperieren, wie wir es uns ihm wünschen, also ohne Widerspruch und Widerstand seinen*ihren Weg mitgehen, füllen wir den Kooperationstank wieder ein Stückchen auf. Das kann im gemeinsamen Spiel sein, im gemeinsamen Tun, in dem ich auch einmal bereit bin, dem Kind die Führung zu überlassen, im Eingehen auf seine Wünsche und Vorstellungen.

Warum stelle ich euch den Kooperationstank gerade in diesem Artikel so ausführlich vor? Weil das meines Erachtens einer der größten Stolpersteine beim Zähneputzen ist: Das Zähneputzen erfordert eine große Kooperationsleistung von unseren Kindern: Sie müssen unseren Weg gehen, auch wenn er für sie weder besonders nachvollziehbar noch besonders angenehm ist. Damit sie das gut können, muss ihr Kooperationstank wirklich gut gefüllt sein. Aber jetzt kommt der Haken: Wir wollen unseren Kindern bemerkenswert oft justament in Situationen die Zähne putzen, in denen ihr Kooperationstank gerade alles andere als gut gefüllt ist: Im Rahmen der stressigen Morgenroutine, in der bei näherer Betrachtung eine Kooperationsleistung die nächste jagt und das auch noch unter Zeitdruck, oder am Abend, wenn der Tag schon lang und voll war und aus Kindersicht eigentlich außer Entspannung gar nichts mehr angesagt wäre…

 

Das Autonomiestreben

„Autonomiestreben“ ist ein fancy Wort für „selber machen wollen“ und „selbst bestimmen wollen“. Das Streben nach Autonomie ist etwas zutiefst Menschliches – entwicklungsbedingt besonders ausgeprägt ist es in den beiden Autonomiephasen (Autonomiephase 1 ist das, was früher „Trotzalter“ geheißen hat, Autonomiephase 2 ist die Pubertät), in denen sich unsere Kinder ein Stück weit von uns emanzipieren und ihre Selbstständigkeit entdecken, entwickeln und leben. Ein Kind, dessen Thema gerade sehr stark das „Selber-Machen“ ist, das aufblüht, wenn es die schwierige Aufgabe meistert, sich ganz alleine die Schuhe anzuziehen oder die Haare zu bürsten, versteht einfach nicht, warum es beim Zähne-Putzen plötzlich „Stopp! Das müssen die Eltern machen!“ heißt…

„Mein Körper gehört mir!“ ist ein wichtiger Schlüsselsatz in beiden Autonomiephasen. In vielerlei Hinsicht müssen und dürfen wir Eltern gerade in diesen Phasen lernen, unseren Kindern ein Stückchen mehr Selbstverantwortung und Selbstbestimmung zuzugestehen als zuvor. Zugleich haben wir aber immer noch den Anspruch und auch den Auftrag, weiterhin für das bestmögliche körperliche Wohlbefinden unserer Kinder zu sorgen – und dazu gehört nun einmal auch die Zahngesundheit. Und genau dieser Spagat wird dann oft jeden Tag morgens und abends spürbar, vor allem wenn der Kooperationstank vielleicht ebenso leer ist wie der Selbstwirksamkeitstank…

Und es ist von immenser Wichtigkeit, dass wir die körperliche Integrität unserer Kinder und ihre Hoheit über ihren eigenen Körper respektieren. Deshalb spreche ich mich auch vehement gegen körperliche Übergriffe im Rahmen der Hygiene aus: Wenn mein Kind „Nein!“ sagt, ist es nicht okay, es festzuhalten, zu erwidern „Doch!“ und ihm die Zähne zu putzen, während der Mund offen steht, weil es schreit. Ich weiß, dass genau das in sehr vielen Familien passiert. Auch in solchen, in denen Gewalt sonst überhaupt keinen Platz hat. Einfach aus der Hilflosigkeit, und dem inneren Druck und all den anderen erschwerenden Faktoren heraus. Wenn es bei euch auch vorkommt, dass ihr so agiert, lade ich euch zu einem Kurswechsel ein. Ihr habt noch viele Gelegenheiten vor euch, es anders zu machen ;).

Wenn mein Kind „Nein!“ sagt, höre ich auf – denn der Satz „Nein heißt nein!“ gilt für alle, auch für Eltern. (Vielleicht schreibe ich einmal ein Buch nur über das Wort „Nein“ im Leben mit Kindern…) Es ist mir wichtiger, dass die körperliche Integrität meines Kindes gewahrt wird und dass es nicht lernt, dass es okay ist, die Grenzen eines anderen zu überschreiten, nur weil man stärker ist. Dass ich dieses „Nein!“ akzeptiere, heißt aber nicht, dass sich das Thema Zähneputzen damit für heute erledigt hat. Wir machen lediglich einen Schritt zurück. Ich akzeptiere, dass es in diesem Moment nicht so geht, wie ich es mir vorgestellt habe, und wir kehren sozusagen an den Verhandlungstisch zurück. Anregungen dazu, wie das genau funktionieren kann, gibt es dann nächste Woche ;).

 

Der Komfort

Wir haben es schon mehrfach angesprochen, ich möchte hier trotzdem noch einmal gesondert darauf hinweisen: Zähneputzen wäre auch nur halb so mühsam, wenn es nicht so eine tendenziell doch recht unangenehme Angelegenheit wäre… Doch auch das ist ein Aspekt, den wir anerkennen können und uns fragen: Wie können wir den Diskomfort so weit wie möglich reduzieren? Wie können wir das Zähneputzen für unsere Kinder so angenehm wie möglich gestalten? Welche Aspekte wir da berücksichtigen können, schauen wir uns das nächste Mal an!

 

 

Jetzt bin ich aber gespannt, wie das mit dem Zähneputzen bei euch so ist! Erzählt doch mal! Gehört ihr zu den beneidenswerten Familien, bei denen das nie ein Thema war? Oder kommt euch das eine oder andere sehr vertraut vor? Habe ich irgendeinen Aspekt vergessen?

Ich freue mich auf eure Geschichten und gerne auch eure Fragen und Anregungen in den Kommentaren!
Und schaut doch nächste Woche wieder vorbei, dann geht es um ganz konkrete Lösungen und Strategien!

***Herzlichen Dank für die Illustration an Orsolya Fodor (@tamatea16 auf Instagram)***

Nie mehr Machtkampf

Mehr über den Weg raus aus „beliebten“ Elternfallen und ebenso liebevolle wie lösungsorientierte Kommunikation in der Familie gibt’s in meinem Workshop „Nie mehr Machtkampf. Dein Weg raus aus der Elternfalle“!

Für Gruppen ab 4 Personen könnt ihr ihn als Wohnzimmer-Workshop (im Sommer auch gerne als Frischluft-Workshop) buchen!